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Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[462][A [1]]Aufruf zur Begründung eines Verbandes für internationale Verständigung

Einst ist es die Aufgabe und das Ziel unseres Volkes gewesen, den nationalen Staat vorzubereiten. Wir wissen, welchen Fortschritt, vornehmlich auf wirtschaftlichem Gebiete, wir dieser Staatsgründung verdanken, aber ein neues Zeitalter bringt neue Forderungen. Schon haben die technischen Umwälzungen eine Epoche des Internationalismus herbeigeführt, aber die politische Organisation der Kulturwelt ist hinter ihr zurückgeblieben bei dem Nebeneinander unverbundener Einzelstaaten. Während man mit Windeseile in ununterbrochener Bahnfahrt den Kontinent durchqueren kann vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean, während das Meer zwischen England und dem Festland schon längst zu einer großen Brücke geworden, deren aber kühne Flieger gar nicht mehr bedürfen, starren die Kulturnationen in Waffen gegeneinander. Wem die nationale Kultur am Herzen liegt, der wird mit uns erwägen, welche Blüte der heimischen Zivilisation überall begründet werden könnte, wenn es möglich wäre, ein Zeitalter der internationalen Verständigung in der Politik heraufzuführen. Die Zeit drängt. Wenn die Rüstungen der großen Mächte in dem jetzigen Tempo fortschreiten, so bedeuten sie ein Wettlaufen zum Ruin. Morgen kann es gelten, zu der Land- und Seearmee, für die hinreichende Mittel kaum noch aufzutreiben sind, eine Luftarmee zu rüsten! Sollte es aber nicht eine Möglichkeit geben, mit dem nationalen Gedanken den internationalen zu vereinen? Haben nicht die Zeitgenossen der Reichsgründung auch einen Ausgleich gefunden zwischen so gegensätzlichen Bestrebungen wie dem Legitimismus, der die Erhaltung der souveränen Dynastien und dem Nationalismus, der den deutschen Einheitsstaat wollte? Sind nicht die Ansätze zu einer Versöhnung zwischen Nationalismus und Internationalismus auf den Haager Konferenzen
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[462] Die beiden Haager Konferenzen zur Rüstungsbeschränkung fanden 1899 und 1907 statt. Auf der ersten Konferenz, an der 26 Staaten teilnahmen, wurde die Einrichtung eines ständigen internationalen Schiedsgerichtshofes beschlossen. Die zweite, die bereits von 44 Staaten beschickt wurde, brachte mit der „Haager Landkriegsordnung“ eine Modifizierung des Kriegsrechts.
schon längst gemacht worden?
[463]Es gilt nur, das dort Begonnene weiter fortzuführen. Wir müssen nach einem anderen politischen System im Staatenverkehr streben, wir müssen zu diesem Zweck besonders die internationale Schiedsgerichtsbarkeit auszubauen und überhaupt Verträge mit den anderen Nationen zur Vermehrung der Bürgschaften des Weltfriedens herbeizuführen suchen. Auch sonst muß bei internationalen Konflikten planmäßig auf eine Klärung und Verständigung hingearbeitet werden. Um dieses Ziel zu erreichen, muß die öffentliche Meinung der Völker aufgerufen und allmählich organisiert werden. Hier handelt es sich nicht um eine einseitige ethisch-humanitäre Bekämpfung des Krieges, mit der allein wenig auszurichten ist, hier handelt es sich um praktische Ziele der internationalen Politik. Wir zweifeln nicht an dem guten Willen unserer regierenden Kreise, auf eine Befestigung der politischen Lage hinzuarbeiten, aber noch [A 2]fehlt dafür ein starker Rückhalt an unserer öffentlichen Meinung. Wir Deutsche sind infolge unserer politischen Leidensgeschichte erst Jahrhunderte später zu dem Nationalstaat gelangt, als die Mehrzahl der andern modernen Kulturnationen; noch erblicken wir darum in der Erfüllung der einseitig nationalen Aufgaben das höchste politische Ideal und verkennen nur zu leicht den Umstand, daß die Kulturstaaten bei der Lösung dieser nationalen Aufgaben von einander abhängig sind. Deshalb begegnen wir den Bestrebungen, die aus der Erkenntnis dieser wechselseitigen Abhängigkeit erwachsen sind und die in anderen Ländern schon ein tieferes Verständnis und eine weite Verbreitung gefunden haben, mit stärkerem Mißtrauen, als ein klares und volles Bewußtsein der nationalen Verantwortlichkeit zulassen sollte. Gerade das Volk der Denker sollte sich gern davon überzeugen, daß im letzten Grunde die gemeinsamen Interessen der konkurrierenden Staaten größer sind wie ihre Rivalitäten, und daß darum eine internationale Verständigung möglich ist.
In dieser Überzeugung haben sich die hier genannten Männer zusammengefunden zur Begründung eines Verbandes für internationale Verständigung. Wir wollen Verständnis wecken für die Notwendigkeit einer auf sicherer Grundlage ruhenden Politik und eines weiteren Ausbaus der schon heute vorhandenen Ansätze zu einer internationalen Organisation. Alle deutschen Männer und Frauen ohne Unterschied der Partei sind uns willkommen. Sie alle können und sollen uns helfen, das Verständnis für unsere Ziele in unserem [464]Vaterlande zu verbreiten. Bereits haben eine Reihe unserer ersten Namen auf den Gebieten der Wissenschaft, Kunst und Technik diesem Aufruf zugestimmt. Männer wie Karl von Amira, Julius Bachem, Wilhelm van Calker, Hermann Cohen, Friedrich Curtius, Paul Ehrlich, Max Fleischmann (Halle), Wilhelm Förster, Berthold Freudenthal, Ernst Haeckel, Adolf Harnack, Karl von Heigel, Karl Lamprecht, Theodor Lipps, Hermann Muthesius, Paul Natorp, Friedrich Naumann, Martin Rade, Heinrich Sieveking, Friedrich von Thiersch, Ernst Tröltsch, Max Weber, Heinrich Weinel haben uns erlaubt, daß ihr Name hier genannt werde. Und nicht minder haben führende Politiker und Parlamentarier uns ihre Zustimmung zu diesem Aufruf gegeben und uns ihre Mitarbeit zugesichert. Bevor wir jedoch mit einer größeren Anzahl von Namen und mit einer genaueren Umschreibung unseres Programms vor die Öffentlichkeit treten, möchten wir zunächst hierdurch weitere Kreise zum Eintritt in den zu gründenden Verband einladen.
Ähnliche Ziele wie von uns in Deutschland werden auch in anderen Ländern verfolgt, und wir hoffen, später mit solchen ausländischen Organisationen zusammen wirken zu können.
Alle Zuschriften sind zu richten an die Mitunterzeichneten Professor Dr. jur. Otfried Nippold in Frankfurt a.Μ., Niedenau 52, oder Professor Dr. jur. Walther Schücking in Marburg a. Lahn.
Georg Jellinek, Franz von Liszt, Otfried Nippold, Robert Piloty, Walther Schücking, Emanuel von Ullmann.