[472][A [1]]Aufruf
Die Ereignisse der letzten Monate
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haben mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt, wie unbefriedigend der gegenwärtige Zustand des internationalen Lebens ist. Es ist dringend notwendig, daß alle Besonnenen sich zusammentun, um einer Wiederholung solcher Vorfälle, wie sie anläßlich der Marokkoverhandlungen vorgekommen sind, nach Möglichkeit vorzubeugen. Gewiß kann es nötig werden, daß unser Vaterland zur Verteidigung seiner Unabhängigkeit und seiner Ehre zum Schwerte greift: ob aber ein solcher Fall vorliege, sollte von den Einsichtigen stets unter Zurückweisung leichtsinniger Kriegshetzereien und nur mit der, dem Ernst solcher Entschließung angemessenen, Überlegung erwogen werden. Es ist hohe Zeit, daß alle vernünftig Denkenden zusammentreten und einer internationalen Politik, die nicht durch solche Zwischenfälle getrübt werden kann, mit den Boden ebnen helfen. [472] Unter dem Vorwand, daß durch die Aufstandsbewegung in Marokko und die französische Intervention deutsche Wirtschaftsinteressen bedroht seien, sandte die deutsche Regierung Anfang Juli 1911 das Kanonenboot „Panther“ nach Agadir. Ziel dieses „Panthersprungs nach Agadir“ war es, Südmarokko als Faustpfand zu nehmen, das Frankreich dann durch die Abtretung kolonialer Besitzungen im Kongo auslösen sollte. Da aber die französische Diplomatie, die auf die Unterstützung der britischen Regierung bauen konnte, dazu nicht bereit war, stand Europa mehrere Wochen an der Schwelle eines Krieges. Auch in der deutschen öffentlichen Meinung plädierten immer mehr Stimmen für Krieg, wenn die französische Regierung nicht nachgeben sollte. Trotz eines beständigen Drucks der Parteien der Rechten und der Mitte, vor allem aber der Öffentlichkeit und der nationalen Agitationsverbände, waren der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg sowie Kaiser Wilhelm II. nicht bereit, die Krise weiter eskalieren zu lassen. Am 4. November 1911 kam es zu den „Marokko-Verträgen“, in denen das Deutsche Reich definitiv auf jeglichen politischen Einfluß in Marokko verzichtete, der deutschen Wirtschaft aber eine unbehinderte Betätigung im Lande gesichert wurde. Dafür trat Frankreich im Tausch gegen Gebiete der deutschen Kolonie Togo einen Teil des Kongos an Deutschland ab.
Zu diesem Zwecke hat sich vor einigen Monaten ein
Verband für internationale Verständigung
zusammengetan, der bereits eine große Zahl von hervorragenden Männern der Politik, der Wissenschaft, Kunst und Technik, sowie des wirtschaftlichen Lebens zu seinen Mitgliedern zählt. Der Verband will nun durch diesen Aufruf vor eine weitere Öffentlichkeit [473]treten und Männer wie Frauen aus allen Kreisen der Bevölkerung zum Beitritt auffordern.
Über die Ziele des Verbandes gibt der unten abgedruckte Auszug aus seinen Statuten nähere Auskunft. Der Verband steht durchaus auf realpolitischem Boden, er verfolgt nur erreichbare Ziele. Er ist politisch neutral, jedermann, gleichviel welcher politischen Richtung er angehört, kann sich ihm anschließen. Und der Verband verfolgt sein Ziel in der Erkenntnis, daß seine Bemühungen nur dann Früchte tragen können, wenn das Streben nach internationaler Verständigung zwischen den Völkern ein gegenseitiges ist; er tritt daher auch keineswegs für eine Verständigung um jeden Preis ein, da zeitweise einzelnen Regierungen gegenüber Zurückhaltung geboten sein kann.
Deutsche Männer und deutsche Frauen! Tretet zahlreich unserem Verbande bei! Wir haben das Wohl des Vaterlandes und der Kulturmenschheit im Auge. Die Beiträge sind so gehalten, daß Jedem der Beitritt möglich ist (Mindestbetrag Μ. 3.–). Auch Vereine und Korporationen sind dem Verbande herzlich willkommen. Anmeldungen sind zu richten an Herrn Professor Dr. iur. Otfried Nippold in Oberursel am Taunus, Liebfrauenstraße 22. Beiträge nimmt entgegen der Schatzmeister Herr Bankdirektor Hermann Maier in Frankfurt am Main, Kaiserstraße 16 (Deutsche Bank).
Auszug aus den Statuten:
§ 1. Zweck. Der Verband für internationale Verständigung setzt sich die Aufgabe, das Verständnis für die Bedeutung gegenseitig förderlicher Beziehungen zwischen den Völkern auf allen Lebensgebieten, namentlich für die Fragen und Probleme des Völkerrechts, zu verbreiten, um dadurch einer stetigen, von vermeidbaren Zwischenfällen freien Politik zwischen den Staaten, wie sie im Interesse der allgemeinen Kultur liegt, den Boden zu ebnen.
[A 2]§ 2. Mittel zur Erreichung desselben. Der Verband sucht diesen Zweck zu erreichen, indem er in Wort und Schrift, durch Vorträge, durch Kundgebungen seiner Organe, namentlich seiner Verbandstage, durch Veröffentlichungen in der Presse oder in besonderen Schriften, für die erwähnten Aufgaben wirkt.
Als ein besonders wichtiges Mittel zur Lösung seiner Aufgabe betrachtet der Verband die Einwirkung auf die Erziehung der Ju[474]gend im Sinne der von ihm angestreblen Ziele, vor allem der gegenseitigen Achtung der Völker und ihrer Eigenart.
Zu völkerrechtlichen Fragen der internationalen Politik kann der Verband je nach Bedürfnis und Ermessen seiner zuständigen Organe sich äußern, wobei er bestrebt sein wird, durch objektive Darlegung der Sach- und Rechtslage sowie durch Hinweis auf die Mittel und Wege zur Beilegung von Streitigkeiten klärend und beruhigend auf die öffentliche Meinung zu wirken.
§ 3. Stellung des Verbandes zu ähnlichen Organisationen des Auslandes. Der Verband beschränkt seine Wirksamkeit auf das Deutsche Reich. Angestrebt wird aber später eine internationale Organisation, zu der sich die Verbände für internationale Verständigung, die in einzelnen Ländern zum Teil heute schon bestehen, zum Teil noch entstehen werden, zusammenschließen sollen.
§ 4. Innere Politik. Der Verband steht allen parteipolitischen Organisationen und den Fragen der inneren Politik völlig neutral gegenüber.