[375][A 1]Entwurf
Unbefangener Betrachtung muß sich der Eindruck eines nachlassenden Interesses der öffentlichen Meinung an der energischen Fortführung der Sozialpolitik aufnötigen und zwar gerade in den Kreisen der direkt Unbeteiligten. Neben dem üblichen Modewechsel innerhalb der intellektuellen Schicht ist dafür sicherlich ein gewisser Eindruck von „Erfolglosigkeit“ sozialpolitischer Arbeit mitbestimmend. Er findet seine Gründe im wesentlichen darin, daß immer wieder, wie schon von Anbeginn der gewöhnlich so genannten „sozialpolitischen Ära“ an, Unklarheit darüber bestand und entsteht: welche Erfolge denn sozialpolitischer Arbeit überhaupt vorschweben können und wie sich die Art des bisherigen Eingreifens der Staatsgewalt in die sozialen Kämpfe zu diesen Möglichkeiten verhalten hat.
Allein noch wesentlich schicksalsvoller für eine freiheitliche, d. h.: eine die Autoritätsansprüche irdischer, nur durch den Besitz ökonomischer oder organisatorischer Machtmittel sich legitimierender Herrschaftsgewalten ablehnende, sozialpolitische Arbeit ist der Umstand: daß diese durch die tatsächliche Entwicklung der beiden letzten Jahrzehnte sich in wichtigen Punkten vor eine gänzlich neue Situation gestellt findet und eine tiefgehende, wenn auch noch nicht immer eingestandene Unsicherheit darüber im Anwachsen begriffen ist: welche Konsequenzen daraus zu ziehen seien. Die unaufhaltsamen Fortschritte der Tendenzen zur Syndizierung einerseits, zur Überführung von Privatwirtschaftsbetrieben in öffentliche
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oder irgendwie öffentlich garantierte und kontrollierte Betriebe andererseits bringen immer breitere Teile der Arbeiterschaft in eine Lage, in welcher die Chancen des traditionellen gewerkschaftlichen Kampfs um bessere Arbeitsbedingungen zunehmend verschoben erscheinen. Dazu tritt: daß die unaufhaltsame Bürokrati[A 2]sierung der Bedarfsversorgung, sowohl an sich wie um der besonderen Lage der sich stetig verbreiternden Schicht von „Beamten“ aller Art willen, nach einer Ergänzung des überkommenen sozialpolitischen Pro[376]gramms ruft. Die Richtung, in welcher diese zu finden wäre, ist aber keineswegs selbstverständlich. [375]A, B: öffentlichen
Wir halten es für zeitgemäß, daß freiheitliche Sozialpolitiker in einer rückhaltlosen und zu diesem Zweck ganz vertraulichen Aussprache einerseits die Fragen des Arbeitsvertrags- und des Beamtenrechts im Hinblick auf jene allgemeinen Entwicklungstendenzen und andererseits die Frage der allgemeinen Stellung der Staatsgewalt zu den Konsequenzen der emporwachsenden privatwirtschaftlichen Monopole im Hinblick auf die speziellen sozialpolitischen Probleme unter sich erörtern, um festzustellen, inwieweit unter ihnen Einmütigkeit wenigstens über die Hauptrichtlinien der Sozialpolitik herzustellen ist.
Ebenso beanspruchen die immer stärker drohende Verfälschung der Ziele der inneren Kolonisation und auch die Gefahren der gegenwärtigen Agrarkreditpolitik die Aufmerksamkeit aller derjenigen, welche in dem vaterländischen Boden eine Stätte freier bäuerlicher Arbeit und nicht ein Mittel für die Schaffung sozial privilegierter Existenzen sehen.
Einigen von uns erschien es ferner erwünscht, daß diese Gelegenheit auch zu einer Aussprache darüber benutzt würde: ob die Gegenwartslage vom Standpunkt der Sozialpolitik aus bestimmte handelspolitische Konsequenzen fordere und ob und wie vom Standpunkt der Konsumenteninteressen aus eine sozialpolitische Aktion zu orientieren wäre.
Wir haben daher verabredet, an einen Kreis von [A 3](im obigen Sinn) freiheitlichen Sozialpolitikern die Bitte ergehen zu lassen: sich mit uns in Frankfurt a/M. am 3. und 4. Januar 1913 in einer noch mitzuteilenden Lokalität zu einer in jeder Hinsicht gänzlich unverbindlichen Erörterung jener Probleme zusammenfinden zu wollen. Nicht nur sind dabei durch die Natur der Sache irgendwelche in irgend einem Sinn für irgend einen Teilnehmer bindende „Beschlüsse“ ausgeschlossen. Sondern wir bemerken ausdrücklich: daß nicht etwa irgend eine Gründung eines neuen „Vereins“
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oder eineB: Vereins
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öffentliche „Aktion“, auch keine Mitteilung an die Presse, noch weni[377]ger aber natürlich eine Arbeit für oder gegen irgend eine Partei, welche immer es sei, beabsichtigt ist, – vielmehr jedenfalls jetzt lediglich der Versuch einer Klärung unserer eigenen Ansichten durch offene Aussprache. Da jede Erörterung in der Presse oder in parteipolitischen Kreisen Mißdeutungen herbeiführen und auch die Unbefangenheit der Aussprache stören könnte, bitten wir ausdrücklich, diese Einladung als gänzlich vertraulich zu behandeln. Der Kreis der Einzuladenden, dessen vorläufiger Umfang aus der Anlage[376] In A und B handschriftliche Einfügung Max Webers.
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ersichtlich ist, kann natürlich, falls diese Besprechungen wiederholt werden sollten, jederzeit erweitert werden, da seine Zusammensetzung zur Zeit auf den zufälligen Vorschlägen der Unterzeichneten beruht. [377] Eine Anlage zu dem „Entwurf“ ist nicht überliefert. Listen mit den Namen der Einzuladenden finden sich in dem Brief Max Webers an Karl Bücher vom 4. Dez. 1912, UB Leipzig, Nl. 181 (Karl Bücher) sowie in dem Rundschreiben „An die Herren Teilnehmer der Leipziger Besprechung“ vom 19. Dez. 1912, GStA Berlin, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 30/6 (beide MWG II/7, S. 773–776 und 807–810).
Wir bitten Sie, an die Adresse des Herrn Privatdozenten Dr. Th[eodor] Vogelstein, München, Franz Josefstraße 16, mitteilen zu wollen, ob Ihre Teilnahme, wie wir hoffen, prinzipiell in Aussicht steht.
Wir beabsichtigen eine Diskussion für diesmal über folgende Punkte herbeizuführen:
- 1. Warum hat die bisherige Sozialpolitik ihre Ziele nicht erreicht?
- 2. Voluntarismus oder Staatssozialismus?
- 3. Arbeitsvertragsrecht,
- 4. Beamtenrecht.[A 4]
- 5. Das Konsumenteninteresse, sozialpolitisch betrachtet.
- 6. Bauernpolitik.
Wir sind mit dem Versuch beschäftigt, einige geeignete Herren dazu zu gewinnen, die Diskussion durch kurze, über Tatsachen und Stand der Probleme in der Gesetzgebung und politischen Diskussion referierende, einleitende Mitteilungen zu erleichtern. Außerdem wäre es sehr erwünscht, wenn möglichst viele der Herren Teilnehmer sich zur ganz kurzen Fixierung von „Thesen“ entschlössen, welche rechtzeitig vor der Besprechung durch Herrn Dr. Vogelstein allen Beteiligten zugesendet werden können.