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Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[360][Die wirtschaftlichen Unternehmungen der Gemeinden]

[[A 282]]Ich bitte um Verzeihung, wenn ich noch einmal, nachdem heute Vormittag vorwiegend sehr interessante positive Fragen erörtert wurden,
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[360] Vgl. dazu den Editorischen Bericht, oben, S. 357.
auf jene allgemeinen Gesichtspunkte zurückgreife, die nun einmal in die Debatten hineingetragen sind[,] und anknüpfe an das, was unser verehrter Meister, Herr Geheimrat Wagner[,] heute morgen gesagt hat.
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Der Diskussionsbeitrag Adolph Wagners findet sich in: Verhandlungen des Vereins für Socialpolitik in Wien, 1909. I. Zum Gedächtnis an Georg Hanssen. II. Die wirtschaftlichen Unternehmungen der Gemeinden. III. Die Produktivität der Volkswirtschaft (Schriften des Vereins für Socialpolitik 132). – Leipzig: Duncker & Humblot 1910, S. 253–262.
Einiges davon habe ich nur mit Erstaunen hören können, insbesondere die Behauptung, daß die Eisenbahnüberschüsse in Preußen den unbemittelten Klassen zugute kämen.
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Wagner, Verhandlungen, S. 256, hatte den Standpunkt vertreten, daß die Überschüsse, die das preußische Staatseisenbahnwesen erziele, „nicht in den Dividenden der Aktionäre und den hohen Tantièmen der Verwaltungsrats- und Aufsichtsratsmitglieder, auch nicht in den kolossalen Gehältern der Direktoren usw. zum Vorschein“ kämen, sondern vielmehr „in einer besseren Lage der mittleren und unteren Beamtenkreise und der Arbeiter“.
Meines Wissens stammen sie vorwiegend aus den Taschen der unbemittelten Klassen
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[360] In A folgt der Protokollzusatz: (Gelächter)
[,] und sie dienen in erster Linie dazu, den Großgrundbesitzern das Steuerzahlen zu ersparen.
b
In A folgt der Protokollzusatz: (Sehr richtig! und Widerspruch!)
Vielleicht ist diese Ansicht, die ich absichtlich pointiere, ebenso einseitig wie die von Herrn Geheimrat Wagner, aber das, was er gesagt hat, ohne Widerspruch zu lassen, war unmöglich. (Zuruf: Das hat er nicht gesagt!) (Zuruf Geheimrat Wagner: Ich habe gesagt, den großen nationalen Aufgaben kommt das zugute!)
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Wagner hatte die in Anm. 3 beschriebene Politik deshalb gelobt, weil die Überschüsse aus staatlichen Betrieben somit „dem Staate für seine großen Aufgaben zugute“ kämen. Verhandlungen, S. 256.
Sie haben doch noch mehr gesagt!
Dann knüpfe ich an einige Ausführungen meines Bruders an.
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Der Diskussionsbeitrag Alfred Webers findet sich Verhandlungen, S. 238–248.
Wenn wir auch in manchen Dingen verschiedener Meinung sind, in diesem Punkte kann ich nur sagen, daß die Übereinstimmung eine [361]vollkommene ist. Mein Bruder ist sicherlich ebenso wie Herr Geheimrat Wagner und ebenso wie ich überzeugt von der Unaufhaltsamkeit des Fortschrittes der bureaukratischen Mechanisierung.
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[361] In A folgt der Protokollzusatz: (Sehr richtig!)
In der Tat: Es gibt nichts in der Welt, keine Maschinerie der Welt, die so präzise arbeitet, wie diese Menschenmaschine es tut – und dazu [A 283]noch: so billig! Es ist z. B. notorisch ein Unsinn zu sagen: Die Selbstverwaltung müsse doch billiger sein, weil sie im Ehrenamt erledigt werde. Wenn man in einer rein technisch tadellosen Verwaltung, in einer präzisen und genauen sachlichen Erledigung sachlicher Aufgaben das höchste und einzige Ideal sieht, – ja von diesem Gesichtspunkte aus kann man nur sagen: Zum Teufel mit allem anderen, und nichts als eine Beamtenhierarchie hingesetzt, die diese Dinge sachlich, präzis, „seelenlos“ erledigt, wie jede Maschine.
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In A folgt der Protokollzusatz: (Zurufe: Lächerlich!)
Die technische Überlegenheit des bureaukratischen Mechanismus steht felsenfest, so gut wie die technische Überlegenheit der Arbeitsmaschinen gegenüber der Handarbeit. Aber als der Verein für Socialpolitik gegründet wurde,
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[361] Der Verein für Sozialpolitik war am 13. Oktober 1873 in Eisenach formell gegründet worden. Die Initiative dazu war von einer Tagung ausgegangen, die ein Jahr zuvor, ebenfalls in Eisenach, stattgefunden hatte. Zur Vorgeschichte und zur Gründung vgl. Boese, Franz, Geschichte des Vereins für Sozialpolitik 1872–1932 (Schriften des Vereins für Sozialpolitik 188). – Berlin: Duncker & Humblot 1939, S. 1–18.
war es die Generation, der Herr Geheimrat Wagner angehört, die damals ebenso verschwindend an Zahl war, wie wir anders Denkenden heute es Ihnen gegenüber sind, welche nach anderen als solchen rein technischen Maßstäben rief.
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Adolph Wagner gehört zu den Gründern des Vereins für Sozialpolitik, in ihm hatte sich ein Kreis zusammengefunden, der zwar „die glänzenden unerhörten Fortschritte unserer Zeit in Technik und Produktion, in Handel und Verkehr“ nicht leugnete, zugleich aber gegen das wachsende Elend der unteren Klassen eine staatliche Sozialpolitik forderte. Vgl. etwa die Eröffnungsrede Gustav Schmollers zur Tagung im Oktober 1872, abgedruckt bei Boese, Geschichte, S. 6–11, hier S. 9. Mit diesem Programm stellte sich die Gruppe, die in der Öffentlichkeit gemeinhin als „Kathedersozialisten“ bezeichnet wurde, in offene Frontstellung zu den im „Kongreß deutscher Volkswirte“ vereinigten Nationalökonomen und Industriellen, die jede staatliche Intervention in Industrie und Handel ablehnten und mit diesen freihändlerischen Vorstellungen die Gestaltung des deutschen Wirtschaftssystems dominierten.
Sie, meine Herren, haben damals gegen jene Beifallssalve für die rein techno[362]logischen Leistungen der industriellen Mechanisierung, wie sie die manchesterliche Lehre
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[362] Bezeichnung für eine radikale Freihandels-Doktrin, die jedwede Form staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft entschieden ablehnt. Die Stadt Manchester war zwischen 1838 und 1846 das freihändlerische Zentrum der Opposition gegen die englischen Getreidezölle.
damals darstellte, zu kämpfen gehabt. Mir scheint, Sie sind heute in Gefahr, sich selbst in eine ebensolche Beifallssalve für das Maschinenwesen auf dem Gebiete der Verwaltung und der Politik zu verwandeln. Denn was ist es letztlich anders, was wir von Ihnen gehört haben? Stellen Sie sich die Konsequenz jener umfassenden Bureaukratisierung und Rationalisierung vor, die wir bereits heute im Anzuge sehen. In den Privatbetrieben der Großindustrie sowohl wie in allen modern organisierten Wirtschaftsbetrieben überhaupt reicht die „Rechenhaftigkeit“, der rationale Kalkül, heute schon bis auf den Boden herunter. Es wird von ihm jeder einzelne Arbeiter auf seine Leistungsfähigkeit hin rechnerisch erfaßt, es wird jeder Arbeiter zu einem Rädchen in dieser Maschine und innerlich zunehmend darauf abgestimmt, sich als ein solches zu fühlen und sich nur zu fragen, ob er nicht von diesem kleinen Rädchen zu einem größeren Rädchen werden kann. Nehmen Sie als Spitze die autoritäre Gewalt des Staates oder der Gemeinde in einem monarchischen Staatswesen, dann erinnert das lebhaft an das Ägyptertum der Antike, das von diesem Geist des „Pöstchens“ durchtränkt war von oben bis unten.
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Im 19. Jahrhundert v. Chr. entwickelte sich das altägyptische Reich zu einem Beamten- und Militärstaat. Dessen straffe Organisation und Zentralisation wurden durch ein hierarchisches Beamtensystem aufrechterhalten. Hauptcharakteristika dieses Systems waren bürokratisches Avancement und die Lebensversorgung durch das Amt.
Es hat nie eine Bureaukratie gegeben, bis heute nicht, die an die ägyptische Bureaukratie herangereicht hätte. Das steht für jeden fest, der antike Verwaltungsgeschichte kennt, und es steht ebenfalls felsenfest, daß wir heute unaufhaltsam einer Entwicklung entgegeneilen, die recht genau diesem Vorbilde, [A 284]nur auf anderer Grundlage, auf technisch verbesserter, rationalisierter, also noch weit stärker mechanisierter Grundlage, folgt. Die Frage, die uns beschäftigt, ist nun nicht: Wie kann man an dieser Entwicklung etwas ändern? – Denn man kann es nicht. Sondern: was folgt aus ihr? Wir erkennen ja sehr gern an, daß oben an der Spitze unseres Beamtentums ehrenhafte und begabte Leute stehen, daß trotz aller Ausnahmen auch solche Leute Chance haben, in der Hierarchie des Beamtentums emporzukommen, ganz ebenso wie z. B. die Universitäten für sich in An[363]spruch nehmen, daß trotz aller Ausnahmen sie eine Chance, eine Auslese für die Begabten bilden. Aber so fürchterlich der Gedanke erscheint, daß die Welt etwa einmal von nichts als Professoren voll wäre,
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[363] In A folgt der Protokollzusatz: (Heiterkeit!)
– wir würden ja in die Wüste entlaufen, wenn etwas derartiges einträte –
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In A folgt der Protokollzusatz: (Heiterkeit!)
noch fürchterlicher ist der Gedanke, daß die Welt mit nichts als jenen Rädchen, also mit lauter Menschen angefüllt sein soll, die an einem kleinen Pöstchen kleben und nach einem etwas größeren Pöstchen streben, – ein Zustand, den Sie, wie in den Papyri, so zunehmend im Geiste des heutigen Beamtentums, und vor allem seines Nachwuchses, unserer Studenten, wiederfinden. Diese Leidenschaft für die Bureaukratisierung, wie wir sie hier sich äußern hörten, ist zum Verzweifeln. Es ist[,] als wenn in der Politik der Scheuerteufel, mit dessen Horizont der Deutsche ohnehin schon am besten auszukommen versteht, ganz allein das Ruder führen dürfte, als ob wir mit Wissen und Willen Menschen werden sollten, die „Ordnung“ brauchen und nichts als Ordnung, die nervös und feige werden, wenn diese Ordnung einen Augenblick wankt, und hilflos, wenn sie aus ihrer ausschließlichen Angepaßtheit an diese Ordnung herausgerissen werden. Daß die Welt nichts weiter als solche Ordnungs-Menschen kennt – in dieser Entwicklung sind wir ohnedies begriffen, und die zentrale Frage ist also nicht, wie wir das noch weiter fördern und beschleunigen, sondern was wir dieser Maschinerie entgegenzusetzen haben, um einen Rest des Menschentums freizuhalten von dieser Parzellierung der Seele, von dieser Alleinherrschaft bureaukratischer Lebensideale. Die Antwort auf diese Frage gehört freilich heute nicht hierher.
Wir wollen vielmehr uns nun auch einmal fragen, wie die sozialpolitischen Chancen liegen bei dieser fortschreitenden Bureaukratisierung, die Sie so leidenschaftlich preisen. Meine Herren! Ich mußte den Kopf [A 285]schütteln bei der Idee, die Sie fast alle hier ergriffen zu haben scheint, daß, wenn man den privaten Arbeitgeber in möglichst großem Umfange ersetzt durch einen staatlichen oder städtischen Beamten, daß dann etwas anderes eintreten könne, als daß die Staatsmacht nun erfüllt wird von Arbeitgeberempfindungen.
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A: Arbeitergeberempfindungen.
Die Beamten haben ja doch denselben Ärger und Kleinkrieg, den der Privatindustrielle mit seinen Arbeitern täglich zu durchkämp[364]fen hat, nun ihrerseits am Halse, und man wird doch nicht glauben wollen, daß das der Sozialpolitik zugute kommen könnte. Es sind ja doch immer die Angestellten, die Beamten, auch in der Privatindustrie, die päpstlicher sind als der Papst, mit denen für unser einen viel weniger zu verhandeln ist als mit dem Fabrikanten selbst. Wie soll es denn werden, wenn die Beamten des Staates und der Gemeinden immer breitere Schichten von Arbeitern unter sich haben? Werden die mehr sozialpolitische Gesinnung bekommen bei den fortgesetzten unvermeidlichen Reibungen mit den Arbeiterorganisationen?
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[364] In A folgt der Protokollzusatz: (Sehr richtig!)
Man hat ja sogar geglaubt, daß, wenn man den Staat beteiligt am Kohlenbergbau, indem er Zechen übernimmt und ins Kohlensyndikat hineingeht, dies Kartell mit sozialpolitischen Gesichtspunkten erfüllt werden müßte;
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[364] Mit dem Ziel, im Kohlenbergbau auch sozialpolitisch eine regulierende und kontrollierende Funktion wahrzunehmen, hatte der preußische Staat 1904 den Erwerb der im Bezirk des Oberbergamtes Dortmund gelegenen Bergwerksgesellschaft „Hibernia“ betrieben – ein Vorhaben, das auf den erbitterten Widerstand der Privatwirtschaft stieß. Siehe hierzu auch Max Webers Diskussionsbeitrag auf der Mannheimer Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik 1905 über das „Verhältnis der Kartelle zum Staate“, in diesem Band abgedruckt, oben, S. 266–279, insb. S. 275 f., Anm. 25 und Anm. 28.
ja, was glaubt man denn, wenn diese Umarmung stattfinden würde, was für einem Schicksal dabei der Staat entgegen ginge? Er würde nicht die Rolle Siegfrieds, sondern diejenige König Gunthers mit Brunhilde spielen.
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Anspielung auf die 10. Aventiure des Nibelungenliedes, in der die Hochzeit des Burgundenkönigs Gunther mit der isländischen Königin Brunhilde geschildert wird. In der Hochzeitsnacht wies Brunhilde Gunther ab und demütigte ihn durch ihre körperliche Kraft. Erst seinem Gefolgsmann Siegfried, dem Gunther sich offenbart hatte, gelang es in der darauffolgenden Nacht, Brunhilde zu überwinden und gefügig zu machen.
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In A folgt der Protokollzusatz: (Heiterkeit!)
Bekanntlich sind die Verhältnisse der staatlichen Gruben das Übelste, was es überhaupt an Sozialpolitik gibt.
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Vermutlich Anspielung auf die Lage der Bergleute im Saargebiet. Da sich nahezu der gesamte Steinkohlenbergbau an der Saar im Besitz des Staates befand, besaß dieser eine Monopolstellung als Arbeitgeber. Die Leitung der Gruben nutzte die Abhängigkeit der Arbeiter aus, indem sie nach eigenem Belieben Arbeitsordnungen verschärfte, Kündigungsfristen herabsetzte, Löhne senkte und Arbeitszeiten verlängerte. Mißliebiges Verhalten von Bergleuten wurde mit Geldstrafen oder zeitweiser Aussperrung geahndet. Vgl. dazu Imbusch, Heinrich, Arbeitsverhältnis und Arbeiterorganisationen im deutschen Bergbau. – Essen: Verlag des Gewerkvereins christl[icher] Bergarbeiter [1908], S. 362–399.
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In A folgt der Protokollzusatz: (Rufe: Na! na!)
Sie können es auch von keinem Menschen anders verlangen. Wenn ich an die Stel[365]le gestellt würde, ich könnte es auf die Dauer auch nicht verhindern, wenn ich täglich die Reibungen mit den Arbeitern, mit den einzelnen und mit den Organisationen habe, daß mir der Zorn über diese ewigen Hemmungen meiner so sorgsam ausgeklügelten Ordnungen aufstiege, und daß ich wünschen würde, daß ich diese Leute zum Teufel schicken könnte, denn ich würde ja als Bureaukrat glauben, mich selbst zu niedrig einzuschätzen, wenn ich nicht beanspruchte, ihr eigenes Wohl viel besser zu kennen als diese „Dummköpfe“ selbst. Die öffentlichen Beamten, die sich doch mit Recht als viel intelligenter als ihre Arbeiter einschätzen, deren Psyche wird bei Konflikten genauso klingen wie das, was ich eben gesagt habe. Die Herren mögen so tüchtig und weitsichtig sein wie sie [A 286]wollen, sie werden aber mürbe in dem täglichen Interessenkampf, ich würde auch mürbe werden und dieselben Konsequenzen ziehen, wie ich sie ihnen unterstelle.
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[365] In A folgt der Protokollzusatz: (Sehr richtig! Bravo!)
Nur ein von Arbeitgebergesinnung freies Gemeinwesen kann auf die Dauer „Sozialpolitik“ treiben. Welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind, – das erörtere ich heute nicht. Nur der kritiklosen Verherrlichung der Bureaukratisierung wollte ich entgegentreten.
Die Idee der immer weiter um sich greifenden Verstaatlichung und Kommunalisierung ist ja innerhalb des Vereins für Socialpolitik mit sehr verschiedener Intensität von Anfang seiner Geschichte an vertreten worden.
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[365] Siehe hierzu den Editorischen Bericht, oben, S. 358.
Einen solchen universalen Verstaatlicher, wie Herrn Geheimrat Wagner, haben wir allerdings wohl nur als Einspänner, ich möchte beinahe sagen: als Rarität innerhalb unseres Vereins gehabt. (Zuruf: Ganz im Gegenteil!) Ich weiß, daß es auch andere gegeben hat. Ich weiß, daß einer von diesen auch unser verehrter Lehrer, Herr Professor von Schmoller, war, wenn er auch sehr viel vorsichtiger war, und, woran er mich vorhin erinnerte, die Eisenbahnverstaatlichung in Frankreich z. B. mit sehr skeptischen Augen angesehen hat.
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Es ließ sich nicht ermitteln, worauf Max Weber hier anspielt.
Wie dem sei, ein wesentliches Agens dieser in verschiedenem Grade unter uns verbreiteten Vorliebe für die Bureaukratisierung ist ein rein moralistisches Empfinden: der Glaube an die Allmacht des von niemand bezweifelten hohen morali[366]schen Standards gerade unseres deutschen Beamtentums. Ich persönlich betrachte solche Fragen auch unter dem Gesichtspunkt der internationalen Machtstellung und Kulturentwicklung eines Landes. Da spielt nun die „ethische“ Qualität der Maschine heute eine entschieden abnehmende Rolle. Gewiß: so weit sie die Präzision des Funktionierens der Maschine fördert, ist die „Ethik“ wertvoll für den Mechanismus als solchen. Ich habe aber den Eindruck: Ja, diese „korrupte“ Beamtenschaft Frankreichs, diese korrupte Beamtenschaft Amerikas, diese so viel geschmähte Nachtwächterregierung
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[366] Der Begriff „Nachtwächteridee“ geht zurück auf Ferdinand Lassalle, der sie 1862 als „die Staatsidee des Liberalismus“ bezeichnete. Hier werde der Staatszweck ausschließlich darin gesehen, „die persönliche Freiheit des einzelnen und sein Eigentum zu schützen.“ Ferdinand Lassalle. Gesammelte Reden und Schriften, hg. von Eduard Bernstein, Band 2. – Berlin: Paul Cassirer 1919, S. 195 f.
Englands usw. – wie fahren denn diese Länder eigentlich dabei? wie fahren sie z. B. auf dem Gebiet der auswärtigen Politik? Sind wir es denn, die vorwärts gekommen sind auf diesem Gebiete[,] oder wer ist es? Demokratisch regierte Länder mit einem zum Teil zweifellos korrupten Beamtentum haben sehr viel mehr Erfolge in der Welt erzielt, als unsere hochmoralische Bureaukratie, und wenn man rein „realpolitisch“ urteilen soll und wenn ferner es sich letztlich um die Machtgeltung der Nationen in der Welt handelt – und viele von uns stehen doch auf [A 287]dem Standpunkt, daß das der letzte endgültige Wert sei – dann frage ich: welche Art der Organisation: – privatkapitalistische Expansion, verbunden mit einem reinen business-Beamtentum, welches der Korruption leichter ausgesetzt ist, oder staatliche Lenkung durch das hochmoralische, autoritär verklärte deutsche Beamtentum – welche Art der Organisation hat heute die größte „efficiency“ – um einen englischen Ausdruck zu gebrauchen? und dann kann ich vorläufig nicht anerkennen, bei aller tiefen Verbeugung vor dem ethisch korrekten Mechanismus der deutschen Bureaukratie, daß sie heute noch sich fähig zeige, auch nur so viel zu leisten für die Größe unserer Nation, wie das moralisch vielleicht tief unter ihr stehende ausländische, seines göttlichen Nimbus entkleidete Beamtentum, verbunden mit dem nach Ansicht vieler von uns so höchst verwerflichen Gewinnstreben des privaten Kapitals.
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[366] In A folgt der Protokollzusatz: (Bravo! Klatschen.)