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MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[419][A –]Erklärung [der Heidelberger Dozenten gegen den geplanten Wiederaufbau des Heidelberger Schlosses]

Das Heidelberger Schloß schwebt in dringender Gefahr. Das Großh[erzoglich] Bad[ische] Finanzministerium hat die Frage der Möglichkeit, den Ottheinrichsbau durch Stützen zu erhalten, im verneinenden Sinne für „erledigt“ erklärt, nachdem Eggert’s Plan, der sie bejahte, durch eine Anzahl von Gutachten, die im Wesentlichen von grundsätzlichen Vertretern der Wiederherstellungsidee ausgingen, verworfen worden ist. Nur über die Art der Bedachung soll eine neue Kommission von Fachleuten noch entscheiden. Wir vermögen, nach den Aussprüchen hervorragender Techniker nicht zu glauben, daß die Kunst der Architekten oder besser der Ingenieure nicht im Stande sein sollte, ein Mittel der Erhaltung der Fassade zu finden, und erklären es für unbedingt erforderlich, daß den Fachmännern beider Art Anregung, Möglichkeit und Zeit gewährt werde, Projekte auszuarbeiten und der Öffentlichkeit bekannt zu machen, bevor irgend ein weiterer Schritt geschieht.
Aber wir protestieren, darüber hinaus, auf das Schärfste und auf das Eindringlichste gegen eine jede Restaurierung, die, wie sie auch sei, in viel höherem Maße, als irgend eine, langsam und unberechenbar fortschreitende und umbildende, natürliche Zersetzung der Ruine, deren jähe und vorzeitige, vollständige, unwiderrufliche Zerstörung bedeuten müßte. Wir weisen mahnend auf all’ das Unheil hin, das ein unhistorischer und unkünstlerischer Restaurations-Fanatismus im letzten Jahrhundert an so vielen ehrwürdigen Denkmälern angerichtet hat, indem er an die Stelle des Kunstwerkes die Nachbildung, an die Stelle des Echten die Fälschung, an die Stelle der Gewordenen und Zweckvollen das künstlich Gemachte und die leere Maske schob.
Wir beklagen in der Restaurierung des Friedrichsbaues diese Verdrängung des Lebenden durch das ein für alle Male Tote, des historischen Baues und seiner eigentümlichen Werte durch ein im Äußern kaltes und erkältendes, im Innern schreiend buntes Scheinwerk, der unmittelbaren Schöpfung durch eine seelenlose architektonische Gelehrsamkeit. Wer in aller Welt wagt es denn, an ein Aus[420]bauen des Parthenons, der Tempel von Girgenti oder Paestum auch nur zu denken? Wer darf aus dem heiligen Reste unseres Ottheinrichsbaues aus dem Erbstück einer schaffenden Zeit und dem sprechenden Gebilde der Jahrhunderte ein Zwitterding machen, unwahr und unlebendig, weder alt noch neu? oder vielmehr: ein Neues, in dem das Alte tatsächlich untergeht? denn mit Bestimmtheit ist es vorauszusehen, daß der Ausbau einem Neubau gleichkommen würde: ein Neubau aber kann auf Grund der vorhandenen genauen Aufnahmen auch später noch jederzeit, wenn es sein soll, vorgenommen werden. Warum soll der Ruine nicht vergönnt sein, sich auszuleben, so lange es ihr Geschick erlaubt?
Wir sind gewiß, im Sinne zugleich eines jeden geschichtlichen Gefühls und eines künstlerischen Empfindens den Warnruf zu erheben: in keinem Falle, unter keiner Bedingung die Barbarei eines Wiederaufbaus! Sie allein, auf absehbare Zeiten hinaus, droht unserm Schlosse die wahre Vernichtung an, die Vernichtung ohne Not und ohne Gewinn.
Heidelberg, im Juli 1904.