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Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[65][Rezension von:]

[A 380]Grotjahn, Dr. med. A[lfred]: Über Wandlungen in der Volksernährung (Staats- und sozialwissenschaftliche Forschungen. Hrsg. von G[ustav] Schmoller. XX, 2). Leipzig 1902, Duncker & Humblot. 72 S. in 8°
Die verdienstliche kleine Schrift versucht aus dem Material von Haushaltungsbudgets, welches in den „Ouvriers européens“
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[65] Le Play, Les Ouvriers européens. Grotjahn, Wandlungen, S. [VII], zitiert diese Arbeit nach der 2. Auflage, die in den Jahren 1877–1879 in 6 Bänden beim Verlag Alfred Mame et fils in Tours erschien.
und den „Ouvriers des deux mondes“ vorliegt, unter Heranziehung auch anderer besonders der in der belgischen Enquete von 1892
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Salaires et budgets ouvriers.
erhobenen und der Ballinschen Budgets,
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Ballin, Haushalt.
Entwickelungstendenzen der modernen Ernährung für einzelne nach seiner Ansicht typische Bevölkerungsschichten zu abstrahieren. Mit Recht vermeidet er es dabei, die lediglich einen imaginären Schein von Exaktheit vortäuschende Umrechnung des hierfür ganz ungeeigneten Materials in „Nährwerte“, „Kalorien“ u. dergl. vorzunehmen.
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Grotjahn, Wandlungen, S. 4, lehnt die von einigen Nationalökonomen angestellten Versuche, „aus den in den Budgets mitgeteilten Gewichten der verschiedenen Nahrungsmittel den Gehalt der Nahrung an Eiweiß, Fett und Kohlehydraten in Grammen und gar noch in Bruchteilen von Grammen bis zur dritten Decimalstelle“ zu berechnen, ausdrücklich ab, da dadurch „eine Genauigkeit vorgetäuscht“ werde, die „kaum zu verantworten“ sei. Ähnlich auch ebd., S. 71.
Er begnügt sich vielmehr damit, zunächst aus den bekannten Untersuchungen von Hultgreen und Landergreen über die Kost schwedischer Arbeiter
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Hultgren/Landergren, Untersuchung. Die falsche Schreibweise der Namen dürfte durch die Angabe bei Grotjahn, Wandlungen, S. 5, veranlaßt sein.
einen physiologisch jedenfalls zureichenden Standardtyp einer Beköstigung erwachsener, körperlich arbeitender Männer zu ermitteln, der [A 381]in runden Maximal- und Minimalzahlen eine Kombination der wichtigsten in unserer Zone in Betracht kommenden Massennahrungsmittel enthält.
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Im Anschluß an die Untersuchungen Hultgrens und Landergrens ermittelt Grotjahn, Wandlungen, S. 6, als „Kostmaß für den erwachsenen Arbeiter unserer Breiten“ 250–275 kg Cerealien, 150–200 kg Kartoffeln, 30–40 kg Leguminosen, 180–350 l Milch, 15–30 kg Fett, 50–60 kg Fleisch pro Jahr.
Die an diesem Typ zu messenden Kostsätze [66]der verarbeiteten Budgets werden dann unter Anwendung des von E[rnst] Engel entwickelten Verfahrens auf Kostsätze erwachsener männlicher Personen reduziert,
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[66] Grotjahn, Wandlungen, S. 7, bezieht sich auf das Verfahren, das Ernst Engel, verantwortlicher Leiter des preußischen „Statistischen Bureaus“, gegen Ende des 19. Jahrhunderts in zahlreichen Arbeiten entwickelte. Engel, Ernst, Der Werth des Menschen, Band 1: Der Kostenwerth des Menschen (Volkswirthschaftliche Zeitfragen, Heft 37/38). – Berlin: Leonhard Simion 1883, ders., Die Lebenskosten belgischer Arbeiter-Familien früher und jetzt. Ermittelt aus Familien-Haushaltrechnungen und vergleichend zusammengestellt, in: Bulletin de l'Institut International de Statistique, tome IX. – Rome: Imprimérie Nationale 1895, S. 1–124. Grotjahn faßt das „Engelʼsche Verfahren“ folgendermaßen zusammen: „E[rnst] Engel setzt als Meßeinheit für den Personenstand einer Familie, deren Gesamtkonsum er für die einzelnen Familienglieder zerlegen will, das neugeborene Kind. Diese Anfangsgröße läßt er bei männlichen Personen bis zum 25. Lebensjahre jährlich um 0,1 wachsen, bei weiblichen Personen nur bis zum 20. Jahre. Der ausgewachsene Mann zählt demnach 3,5, die Frau 3,0 Einheiten.“
derart also, daß die Frau und die Kinder, die letzteren je nach ihrer Altersstufe verschieden, mit bestimmten Bruchteilen des Manneskostsatzes angerechnet werden. Nun ist zuzugeben, daß die Engelsche Methode den von anderen Seiten – Kuhna,
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Kuhna, Ernährungsverhältnisse.
Wörishoffer
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Wörishoffer, Sociale Lage.
– angewendeten Verfahrungsweisen wahrscheinlich im ganzen vorzuziehen ist.
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Grotjahn, Wandlungen, S. 8, kritisiert sowohl das Verfahren Kuhnas als auch das Verfahren Woerishoffers. Für Kuhna gilt als volle Maßeinheit jede Person über 17 Jahren; für Kinder und Jugendliche berechnet er entsprechend ihrem Alter unterschiedliche Bruchteile dieser vollen Einheit. Woerishoffer hat – noch einfacher – alle Personen unter 14 Jahren gleich einer halben erwachsenen Person gesetzt. Anders als beim „Engelʼschen Verfahren“ bleibt dadurch beispielsweise die Differenz zwischen dem Verbrauch der erwachsenen Männer und Frauen unberücksichtigt.
Aber auch sie kann die Bedenken gegen die Vergleichung von Haushaltungen mit sehr stark verschiedener Kopfzahl nicht beseitigen. Man sollte vielmehr allgemein bei solchen Vergleichungen jedenfalls die Haushaltungen von besonders kleiner oder besonders großer Kopfzahl beiseite lassen. Die Erfahrung lehrt, daß auch bei Gleichheit des Alters und Geschlechts mit der Größe des Haushalts der Bedarf der einzukaufenden Nahrungsmittel in Folge der Möglichkeit besserer Ausnutzung nicht proportional wächst, und dazu tritt dann der problematische Charakter aller, auch der Engelschen Umrechnungszahlen als weiteres Element der Unsicherheit hinzu. So schwanken denn auch in den Angaben des Verfassers die berechneten Einheiten sichtbar je nach Größe der Familie, ohne daß es sicher wäre, ob die rechnungsmäßig schlechtere Ernährung wirklich eine solche ist, und ob sie der größeren Kinderzahl oder der Art der Rechnung entstammt.
[67]Nebst mancher anderen Bemerkung des Verfassers ist infolgedessen z. B. auch diejenige über den verschiedenen Grad, in welchem die Familiengröße, also starke Kinderzahl, auf die Qualität der Ernährung bei naturalwirtschaftlicher und geldwirtschaftlicher Deckung des Nahrungsbedarfs einwirkt, nicht genügend sicher zu verifizieren. Sie wäre übrigens wohl auch etwas anders zu formulieren
1)
[67][A 381] Daß im Gegensatz zu den geldgelohnten Arbeitern bei Naturalwirtschaft die Kinderzahl „keine erhebliche Rolle“ spiele, ist wohl zu viel gesagt.
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Bei Grotjahn, Wandlungen, S. 45, heißt es beispielsweise: „Bei der noch in Naturalwirtschaft lebenden Bevölkerung spielt die Größe der Familie für die Ernährung keine erhebliche Rolle. Größe der Wirtschaft, örtliche und klimatische Faktoren geben den Ausschlag, ob die Ernährung ausreichend und gut ist. Bei den auf reinen Geldlohn angewiesenen Arbeitern ist aber die Zahl der Familienmitglieder für die qualitative und quantitative Gestaltung der Nahrung von ausschlaggebendem Wert. Familien, welche zahlreiche Kinder im jüngeren Lebensalter zählen, werden sich verhältnismäßig schlechter ernähren als kinderarme."
Der unzweifelhafte Unterschied liegt einmal ganz allgemein darin, daß bei geldwirtschaftlicher Bedarfsdeckung die Mehrausgaben rechnerisch deutlicher zum Bewußtsein gebracht werden, und daß ferner der Nahrungsstandard, weil er leichter willkürlich modifiziert werden kann, einen labileren Charakter hat. Dazu tritt dann im einzelnen noch der Umstand, daß bei vielen naturalwirtschaftlichen Arbeits- und Pachtverhältnissen nach ihrer Struktur, insbesondere zufolge der Möglichkeit früher und vollständiger Ausnutzung der Kinder im eigenen Hause, eine große Kinderzahl direkt privatwirtschaftlich vorteilhaft sein oder doch erscheinen kann.
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Zu bedauern ist weiterhin, daß der Verfasser, der sehr bescheiden auftritt, nicht gewagt hat, an der Vollständigkeit der Angaben der Budgets Kritik zu üben, obwohl hierzu nicht eigentlich Fachkenntnisse erforderlich gewesen wären. Der Benutzer der Arbeit muß also seinerseits das Urmaterial des Verfassers erneut nachprüfen. Und da der Verfasser einmal sich die erhebliche Mühe der Umrechnung von über 500 Budgets nach Kategorien der Nahrung gemacht hat,
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[67] Die Arbeit Grotjahns besteht zu einem großen Teil aus Berechnungen der in der Literatur angegebenen Haushaltungsbudgets, die Grotjahn nach dem „Engelʼschen Verfahren“ im Hinblick auf den jährlichen Verbrauch einer erwachsenen männlichen Person auswertet.
so ist es immerhin schade, daß er die Ergebnisse nicht doch etwas mehr spezialisiert [A 382]und übersichtlicher – tabellarisch – wiedergeben hat: Er unterscheidet lediglich: Cerealien, Kartoffeln, Fleisch, dazu treten bei einigen Budgets Milch, Leguminosen, Zucker, ohne daß es irgend wahrscheinlich wäre, daß diese Nah[68]rungsmittel im Haushalt der übrigen Familien gänzlich gefehlt hätten.
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[68] Max Weber spielt hier auf die Tatsache an, daß Grotjahn die Haushaltungsbudgets nicht nach einem einheitlichen Schlüssel berechnet. So wird etwa in den Tabellen, die auf dem Material der belgischen Enquête von 1892 (Salaires et budgets ouvriers) beruhen, nur der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch an Cerealien, Kartoffeln, Fett und Fleisch angegeben (Grotjahn, Wandlungen, S. 50 ff.), während in den Tabellen, die sich auf die Zahlen von Kuhna, Ernährungsverhältnisse, stützen, zusätzlich noch der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch an Milch und Zucker genannt wird (ebd., S. 55 ff.).
Da nun ferner nicht angegeben ist, ob und wie eine Umrechnung erfolgt ist, so ist man genötigt, doch immer wieder auf das Urmaterial zurückzugehen, und die Vergleichbarkeit der Zahlen ist natürlich auch problematisch.
Mag indessen dies alles durch die in jedem Fall nur Annährungswerte ergebende Natur des Materials motiviert werden können, so ist dem Verfasser jedenfalls ein Vorwurf nicht zu ersparen: die Budgets sind in keiner Weise geordnet, weder geographisch – wir springen von Budget zu Budget von Afrika nach Belgien, von da nach Texas
2)
[68][A 382] Die zahlreichen exotischen Budgets wären wohl besser entweder ganz ausgeschieden oder nur exemplifikatorisch herangezogen worden.
a
[68] Dieselbe Fußnote in A zweimal angezeigt.
, Frankreich, Kambodscha2)
b
Dieselbe Fußnote in A zweimal angezeigt.
, Schleswig
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Max Weber bezieht sich hier auf Grotjahn, Wandlungen, S. 26 f., wo nacheinander die Budgets einer Beduinenfamilie, eines belgischen Fischers, eines Farmers im westlichen Texas, eines nordfranzösischen Bauern, eines eingeborenen Dolmetschers in Kambodscha und eines landbesitzenden Arbeiters auf einer Hallig an der Westküste von Schleswig aufgelistet sind.
– noch chronologisch, noch irgendwie – etwa, was sich empfohlen hätte, nach dem Grade des Vorwiegens eines Nahrungsmittels. Sondern der Verfasser hat den ganzen Stoff nur den vier Bevölkerungsklassen zugeteilt, die er unterscheiden will: 1. „Wohlhabende“; 2. städtische Handwerker, Unterbeamte und gutgestellte Arbeiter; 3. Bauern, Landarbeiter, Fischer, Handwerker, Gesinde mit lokal bedingter Kost
3)
Es ist übrigens nicht richtig, daß die Kategorie ad 2 den lokalen Kosttyp im Durchschnitt schon abgestreift hätte.
; 4. Kost der Geldlohnarbeiter.
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Diese Aufzählung entspricht der Kapiteleinteilung im Inhaltsverzeichnis bei Grotjahn, Wandlungen: „II. Die frei gewählte Kost der Wohlhabenden" (S. 10–15); „III. Die Kost der [69]städtischen Handwerker, Unterbeamten und gut gestellten Arbeiter“ (S. 16–20); „IV. Die Kost der Bauern, ländlichen Arbeiter, Handwerker, Fischer und des Gesindes mit ausgeprägt lokalem Charakter“ (S. 21–33); „V. Die Kost der von jeder Naturalwirtschaft losgelösten, auf reinen Geldlohn angewiesenen industriellen und großstädtischen Arbeiter“ (S. 34–57), wobei die Kapitelüberschrift über dem Text in diesem Fall aber nur einfach lautet: „Die Kost der Industriearbeiter.“
Diese Einteilung und die Reihenfolge der Erörterung läßt nun trotz des richtigen Grundgedankens manches zu wünschen übrig.
[69]Will man Entwickelungstendenzen der modernen Ernährung aufweisen, so ist es doch unerläßlich, zunächst die klimatisch und historisch bedingten Lokaltypen der überkommenen Nahrung herauszuarbeiten. Es ergeben sich dabei schon innerhalb der modernen Industrieländer ganz bedeutende Unterschiede. Von diesem Ausgangspunkt aus konnte dann der Verfasser seinen ganz richtigen Gedanken durchführen, jene Entwickelungstendenzen zunächst da zu beobachten, wo die Höhe des Einkommens ihnen am wenigsten Schranken zieht, und alsdann hinab zu steigen bis zu den schlecht gelohnten modernen Industriearbeitern.
Mehrfach erheben sich auch Bedenken bezüglich der Zuteilung zu den einzelnen Klassen. Daß z. B. eine Berliner Kaufmannsfamilie mit einem Dienstmädchen bei 3750 Mk. Einkommen
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Dieses Beispiel findet sich bei Grotjahn, Wandlungen, S. 12.
ihre Nahrung wirklich „frei“ wählt, ist ausgeschlossen, weil die durch die soziale Klassenzugehörigkeit bedingten Ausgaben regelmäßig auf Kosten der Ernährung befriedigt werden.
Daher sind manche Schlüsse des Verfassers, so z. B. die aus dem starken Kartoffelkonsum der „Wohlhabenden“ gezogenen, bedenklich, zumal im Gegensatz zu seiner Behauptung (S. 14)
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Grotjahn, Wandlungen, S. 14, stellt bei den Wohlhabenden einen „nicht unerheblichen Verbrauch von Kartoffeln“ fest. Er meint dazu: „Diese Thatsache widerspricht der landläufigen Annahme, daß die Kartoffeln als Hauptnahrungsmittel nur dort auftreten, wo die Mittel zur Cerealiennahrung fehlen. Die Wohlhabenden würde nichts hindern, den Kartoffelverbrauch auf ein Minimum einzuschränken und die Cerealien vorwiegen zu lassen. In Wahrheit schätzen sie die Kartoffeln aber so sehr, daß nach vorstehenden Angaben durchschnittlich der jährliche Verbrauch berechnet für eine erwachsene Person 180 kg beträgt.“
die Kopfquote dieser Klasse zwischen 91 und 247 kg Kartoffeln schwankt, ohne daß die zwischen 100 und 342 kg schwankende Cerealienquote
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Hinsichtlich des Kartoffelverbrauchs beziehen sich diese Beispiele auf den Pro-Kopf-Verbrauch eines Schankwirts (91 kg) und eines Berliner Kaufmanns (247 kg), hinsichtlich des Cerealienverbrauchs auf den Pro-Kopf-Verbrauch eines Berliner Arztes (100 kg) und eines kaufmännischen Angestellten in einer Papierfabrik (342 kg). Grotjahn, Wandlungen, S. 12 f.
diese Unterschiede etwa kompensierte. Das Maß [70]des Kartoffelkonsums in Berlin ist stark lokal bedingt, [A 383]die Verhältnisse im Gebiet billiger Gemüsepreise, z. B. in der Provinz Sachsen, liegen schon anders, noch mehr natürlich diejenigen Süddeutschlands, Italiens und Frankreichs. Alles in allem zeigen die Ausführungen des Verfassers hier wesentlich, wie sehr die wissenschaftliche Analyse der Konsumentwickelung noch in den Anfängen steckt. Die Gründe derjenigen Entwickelungstendenzen, welche sich tatsächlich beobachten lassen, sind übrigens auch individueller als der Verfasser annimmt. Jeder kann z. B. beobachten, welch’ intensiven Einfluß die durch die englischen Konsumgewohnheiten bedingten Menüs der Hotels auf die Verdrängung der lokalen Kostgewohnheiten zu Gunsten der Uniformierung des Konsums ausüben. Von hier dringt die typische Kost in die Restaurants, wo sich der Junggeselle an sie gewöhnt und sie später als die allein „menschenwürdige“ seinem eigenen Haushalt aufzwingt. –
Die Ergebnisse, zu denen der Verfasser in Kapitel 7 über die Verschiebungen im Konsum der Nahrungsmittel
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[70] Es handelt sich hier um Kapitel VI. Grotjahn, Wandlungen, S. 58–63.
gelangt: Rückgang der Bedeutung der Pflanzenfette und auch von Speck, Schmalz und Milch für die Volksernährung, Abnahme des Verbrauchs von Hafer, Gerste, getrockneten Linsen, Bohnen, Erbsen und last not least Roggenbrot, also aller voluminösen Bestandteile der traditionellen Kost, dagegen aufsteigende Bedeutung von Fleisch, Weizenbrot, Zucker und Butter, sind gewiß zutreffend, aber aus den Budgets, so wie diese der Verfasser errechnet und geordnet hat, wohl kaum zu erschließen, sondern höchstens – was natürlich von erheblichem Wert ist – an ihnen nachzukontrollieren.
Durchaus zuzustimmen ist dem Verfasser in den allgemeinen Bemerkungen, mit welchen er in Kapitel 8
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Bei dem abschließenden Kapitel handelt es sich um Kapitel VII „Tendenzen zur Unterernährung in den modernen Industrieländern“. Grotjahn, Wandlungen, S. 64–72.
seine Arbeit abschließt. Es ist richtig, daß die Marktproduktion zur Folge hat, daß die Nahrungsmittel hohen spezifischen Werts den kaufkräftigsten Markt aufsuchen, und dem örtlichen Konsum zunehmend die Nahrungsmittel geringster Transportfähigkeit, insbesondere Kartoffeln, verbleiben. Es ist ebenso richtig, daß die geldwirtschaftliche Bedarfsdeckung die Sprengung der in jahrhundertelanger Auffassung entstandenen, traditionell und lokal gebundenen Arten von Zusam[71]mensetzung der Kost zur Folge hat. Damit hängt dann das Vordringen der Kartoffeln als der weitaus billigsten Kategorie voluminöser Nahrung zusammen. Die neben den Kartoffeln, überall da, wo die Mittel zureichen, erstrebte und auch unbedingt erforderliche Steigerung der Fleisch-, Butter- und Zuckernahrung ist problematisch und findet bei der Masse der geldwirtschaftlich gelohnten Arbeiter nicht in ausreichendem Maße statt: sie bleiben in dem Übergang von der groben Bauernkost zu der feineren der Wohlhabenden stecken
4)
[71][A 383] Nicht unwichtig, wenn schon wiederum aus den Budgets nicht erschließbar, sind die Bemerkungen des Verfassers über die Bedeutung der Hausschlachtung selbstgemästeter Schweine für die Ernährung der Arbeiterfamilien. Er schlägt sie weit höher an, als die Bedeutung der Kuh- und Ziegenhaltung zum Zweck der Milchgewinnung.
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Grotjahn, Wandlungen, S. 62, mißt dem Konsum von Fleisch und Fett für die Volksernährung eine hohe Bedeutung bei. Dabei kommt er zu dem Schluß, „daß mit der Möglichkeit bezw. Unmöglichkeit, ein Schwein zu mästen und für den Hausgebrauch zu schlachten, die Fleisch- und Fettversorgung der kleinen Leute steht und fällt. Das Halten von Kühen und Ziegen scheint nicht so günstig zu wirken wie die Schweinemästung.“
Das ist bei dichter Bevölkerung und hoher Grundrente sowie dominierender Bedeutung der Kartoffel gewiß richtig. Die Bedeutung der Kuhhaltung liegt mehr auf sozialem als auf dem Gebiet der Ernährung.
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Bei zunehmender Uniformierung der Art der begehrten Nahrung beginnt eben der Grad der rationellen Ernährung in einem gegen früher [A 384]ganz wesentlich gesteigerten
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[71]A: gesteigertem
Maße reine Funktion der Einkommenshöhe zu werden – in diesem Schlußergebnis stimmt der Verfasser mit meinen früher hypothetisch geäußerten Ansichten überein.
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[71] Max Weber hatte unter anderem in seiner „Vorbemerkung des Herausgebers“ zu einer Arbeit von Walter Abelsdorff (in diesem Band abgedruckt, oben, S. 30–33) es als eine der „zentralen Fragen der Konsumentwickelung“ bezeichnet, „in wieweit unter anderm die unzweifelhaft vorhandene Tendenz zur Beseitigung der historisch gegebenen lokalen Konsumtypen eine Tendenz zur Uniformierung des Konsums überhaupt in dem Sinne darstellt, daß die Art desselben schlechthin Funktion der Klassenzugehörigkeit und Einkommenshöhe wird“ (oben, S. 33). Grotjahn, Wandlungen, S. 71, sieht diese Vermutung Webers durch seine Arbeit „bezüglich des Nahrungsmittelkonsums vollkommen“ bestätigt.
Ein eigentlicher Beweis ist freilich auch jetzt nicht erbracht, auch bei der Natur des Materials nicht leicht zu erbringen.
Die Gefahren dieser Entwickelung liegen in dem labilen Charakter, den die Ernährungsweise nach Durchbrechung der festen Tradi[72]tionen der Vergangenheit angenommen hat. Es ist nicht ausgeschlossen, daß an Stelle der bei naturalwirtschaftlich-traditioneller Beschaffung der Nahrung häufigen akuten, lokalen Hungersnöte, bei geldwirtschaftlicher und deshalb berechnend sparsamer Bedarfsdeckung die chronische Unterernährung ganzer Klassen an Eiweiß- und Fettstoffen tritt. Wenn der Verfasser eine zunehmende „degenerative“ Unterernährung als allgemein in der Herausbildung begriffen ansieht,
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[72] Grotjahn, Wandlungen, S. 70 f., hält es für durchaus möglich, „daß in einem erheblichen Bruchteile der Bevölkerung der europäischen Industrieländer eine gewisse chronische Unterernährung mit degenerativer Tendenz bestehen könnte.“ Durch seine Untersuchungen sieht er sich zu der Annahme veranlaßt, „daß damit wie mit anderen Faktoren auch die körperliche Minderwertigkeit, die bei dem Nachwuchs der industriell thätigen Arbeiterschaft ohne Zweifel sich allmählich herausbildet, in wesentlichem kausalen Zusammenhange steht.“
so geht er freilich über das Maß dessen heraus, was sich wissenschaftlich zur Zeit beweisen läßt.
Die Arbeit stellt freilich nur einen Anfang der Beackerung eines umfangreichen Gebietes dar, als ein solcher ist sie aber, trotz vieler Bedenken im einzelnen, dankbar anzuerkennen.