[459]Editorischer Bericht
Zur Entstehung
Die Gründung des „Verbandes für internationale Verständigung“ ging auf Pläne Alfred Hermann Frieds zurück, der gemeinsam mit Bertha von Suttner zu den Exponenten der pazifistischen Bewegung im deutschsprachigen Raum zählte. Auf ihre Initiative hin war im Jahre 1892 die „Deutsche Friedensgesellschaft“ gegründet worden, deren Anhänger sich vor allem aus dem kleineren und mittleren Bürgertum rekrutierten.
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Angesichts der Vorbehalte, die insbesondere in akademischen Kreisen gegen diese Form des organisierten Pazifismus vorherrschten, entwickelte Fried im Jahre 1905 die Idee, einen eigenständigen Verband ins Leben zu rufen, der frei von Bindungen an die „Deutsche Friedensgesellschaft“ jene Kreise aus Kultur, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft vereinigen sollte, die sich dem Gedanken einer friedlichen Verständigung der Völker aufgeschlossen zeigten.[459] Scheer, Friedrich-Karl, Die deutsche Friedensgesellschaft (1892–1933). Organisation, Ideologie, politische Ziele. Ein Beitrag zur Geschichte des Pazifismus in Deutschland. – Frankfurt a.M.: Haag + Herchen 1981, S. 114–124.
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Diese Anregung wurde von Otfried Nippold im Jahre 1909 aufgegriffen. Nippold, der nach kurzer Tätigkeit im Auswärtigen Amt in Berlin lange Jahre als Rechtsanwalt und Privatdozent für Völkerrecht in Bern gelebt hatte und seit 1909 der Redaktion der Frankfurter Zeitung angehörte, stand aufgrund seiner eingehenden Beschäftigung mit den Problemen des völkerrechtlichen Schiedsverfahrens mit den führenden Repräsentanten der pazifistischen Bewegung in Deutschland, so etwa den Völkerrechtlern Walther Schücking und Hans Wehberg, in engem Kontakt. Gemeinsam mit Schücking begann Nippold um die Jahreswende 1909/10 für die neue [460]Organisation unter Professoren und ausgewählten Politikern zu werben – unter anderem mit dem Vergleich, daß der geplante Verband „für den Internationalismus“ das leisten wolle, was „die Kathedersozialisten im Verein für Sozialpolitik, im Evangelisch-sozialen Kongress u.s.w. für die Verbreitung des sozialen Gedankens so erfolgreich gethan haben.“ Vgl. dazu Chickering, Roger, Imperial Germany and a World without War. The Peace-Movement and German Society, 1892–1914. – Princeton: Princeton University Press 1975, S. 148–162; ders., A Voice of Moderation in Imperial Germany: The „Verband für internationale Verständigung“ 1911–1914, in: Journal of Contemporary History, vol. 8, 1973, S. 147–164, sowie Eisenbeiß, Wilfried, Die bürgerliche Friedensbewegung in Deutschland während des Ersten Weltkrieges. Organisation, Selbstverständnis und politische Praxis 1913/14–1919. – Frankfurt a.M./Bern/Cirencester: Peter Lang 1980, S. 33–56.
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[460] Brief Walther Schückings an Lujo Brentano vom 7. Dez. 1909, BA Koblenz, Nl. Lujo Brentano, Nr. 56.
Im Zuge dieser Vorarbeiten wurde ein „Entwurf zu einem Aufruf zur Begründung eines Verbandes für internationale Verständigung“ angefertigt, der mehrere redaktionelle Bearbeitungen erfuhr.
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Unter einem Exemplar dieser Entwürfe befindet sich eine handschriftliche Liste von Namen, die als Unterzeichner des Aufrufs fungieren sollten – darunter der Max Webers. Wann die Initiatoren an Max Weber mit der Bitte um Unterzeichnung herangetreten sind, ließ sich nicht ermitteln. Wir wissen nur, daß seine Zustimmung Mitte April 1910 vorlag. So heißt es in einem Brief Nippolds an Schücking vom 19. April, daß neben einer Reihe anderer Persönlichkeiten – so Julius Bachem, Friedrich Curtius und Friedrich Naumann – auch „Max Weber […] unterschrieben“ habe. Exemplare befinden sich im BA Koblenz, Nl. Walther Schücking, Nr. 58.
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Bei der Schlußredaktion entschied sich Nippold, die Politiker wegzulassen, „um eine parteilose Zusammensetzung zu erwirken.“ Brief Otfried Nippolds an Walther Schücking vom 19. April 1910, ebd.
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Dem möglichen Vorwurf, daß es sich bei dem neuen Verband nur um eine Ansammlung „weltfremder Professoren“ handele, glaubte er dadurch begegnen zu können, daß er „die Namen der Juristen unten besonders“ setzte und „die übrigen Fakultäten in den Text“ hinaufnahm. Brief Otfried Nippolds an Georg Jellinek vom 5. Mai 1910, BA Koblenz, Nl. Georg Jellinek, Nr. 20.
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Die endgültige Fassung des Aufrufs wurde auf den Rat der politischen Redakteure der Frankfurter Zeitung Ebd.
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an rund 60 Tageszeitungen und Zeitschriften versandt. Die Frankfurter Zeitung veröffentlichte ihn am 13. Mai 1910. Brief Otfried Nippolds an Walther Schücking vom 9. Mai 1910, BA Koblenz, Nl. Walther Schücking, Nr. 58.
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Darüber hinaus war geplant, später einen Separatdruck als „Cirkular für die Privaten“ herzustellen. Frankfurter Zeitung, Nr. 131 vom 13. Mai 1910, S. 2 f.
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Dieser Separatdruck ist uns in zwei geringfügig voneinander abweichenden Fassungen in den Nachlässen Hans Wehberg und Georg Jellinek im Bundesarchiv Koblenz überliefert. Brief Otfried Nippolds an Walther Schücking vom 9. Mai 1910, BA Koblenz, Nl. Walther Schücking, Nr. 58.
[461]Zur Überlieferung und Edition
Der „Aufruf zur Begründung eines Verbandes für internationale Verständigung“ ist in mehreren Fassungen überliefert. Es handelt sich dabei sowohl um Separatdrucke als auch um Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften, wie etwa in der Frankfurter Zeitung, Nr. 131 vom 13. Mai 1910, 1. Mo.Bl., S. 2 f. und in der Friedenswarte für zwischenstaatliche Organisation, hg. von Alfred H. Fried, 12. Jg., Heft 5, Mai 1910, S. 84 f. Eine Anzahl von Separatdrucken des „Aufrufs“, die bei den Gebrüdern Knauer in Frankfurt a.M. hergestellt wurden, befindet sich im BA Koblenz, Nl. Hans Wehberg, Nr. 67 und Nl. Georg Jellinek, Nr. 31. Wie Aktualisierungen der Adressenangaben zeigen, wurden diese Separatdrucke zu unterschiedlichen Zeiten gefertigt. Der Abdruck folgt einer frühen Fassung des Separatdrucks im Nl. Wehberg (A) ohne Annotation der Varianten.