[200]Editorischer Bericht
Zur Entstehung
Aus Anlaß der Jahrhundertfeier des „Louisiana Purchase“ von 1803, durch den die USA von Frankreich ein riesiges Territorium westlich des Mississippi erworben hatten, fand in der Zeit vom 30. April bis 1. Dezember 1904 eine Weltausstellung in St. Louis statt. Dabei ging es den Veranstaltern in erster Linie darum, „den Besuchern die Geschichte, die Hilfsquellen und die Entwicklung der Staaten und Territorien innerhalb des Louisiana-Ankaufs-Gebietes vor Augen zu führen.“
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Gleichwohl sollten mit dieser Weltausstellung nicht nur der „lokalpolitische Ehrgeiz“[200] Einen vorausschauenden Bericht brachte Knauer, Hermann, Eine Amerika-Fahrt und die Welt-Ausstellung in St. Louis. – Berlin: Ferdinand Dümmlers Verlagsbuchhandlung 1903; siehe hier insb. S. 63 f.
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des Mittleren Westens der USA befriedigt, sondern der Öffentlichkeit auch technische und industrielle Neuerungen präsentiert sowie die moderne Entwicklung auf dem Gebiet von Wissenschaft und Kunst dokumentiert werden. Deshalb hielt man im Rahmen der „Louisiana Purchase Exposition“ zahlreiche Fachkongresse ab, so etwa den „Third International Congress on Electricity“ und den „International Congress on Engineering“. Siehe dazu die „Einleitung“, in: Amtlicher Bericht über die Weltausstellung in St. Louis 1904. Erstattet vom Reichskommissar, Teil I. – Berlin: Reichsdruckerei 1906, S. 4.
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Darüber hinaus plante man auch wissenschaftliche Tagungen. Insbesondere diese „Gelehrtenzusammenkünfte“, die bei der Weltausstellung in Paris 1889 mit großem Erfolg veranstaltet worden waren, weckten bei den Organisatoren die skeptische Frage, ob es tatsächlich gelingen könne, „Gelehrte von Bedeutung aus aller Herren Länder zum Mississippi zusammenzubringen.“ Eine Aufstellung der einzelnen Fachkongresse und Veranstaltungen findet sich bei Rogers, Howard J., The International Congresses, in: World’s Fair Bulletin, Nr. 4 von Febr. 1904, S. 14 f.
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Die Zweifel an der Attraktivität von St. [201]Louis sowie der Wunsch, eine bloße Abfolge unverbundener wissenschaftlicher Kongresse zu vermeiden, führten denn auch dazu, einen „neuen Kongreßtypus“ zu schaffen, bei dem sich für eine Woche „die Führer der gesamten Gelehrtenwelt“ zusammenfinden sollten, um ein Bild von der „Gesamtheit des menschlichen Wissens“ zu geben. Münsterberg, Hugo, Der Internationale Gelehrtenkongreß, in: Amtlicher Bericht, Teil II, S. 563. Von ähnlichen Überlegungen berichtet auch Rogers, Howard J., The History of the Congress, in: Congress of Arts and Science. Universal Exposition, St. Louis 1904, hg. von Howard J. Rogers. – Boston/New York: Houghton, Mifflin and Co. 1905, S. 2 f.
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[201] Münsterberg, Gelehrtenkongreß, S. 563 f.
Die Idee dazu stammte von Hugo Münsterberg, der seit 1893 an der Harvard-Universität Psychologie lehrte. Nachdem er im Oktober 1902 ein Gutachten mit detaillierten Vorschlägen für die Organisation eines solchen „Congress of Arts and Science“ erstellt hatte, ernannte das Direktorium der Weltausstellung im November 1902 für die Realisierung des Unternehmens ein „advisory board“ (später: „administrative board“) und den Präsidenten der Columbia-Universität Nicholas Murray Butler zu seinem chairman.
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Das „advisory board“ berief im Dezember 1902 ein „committee on plan and scope“ von sieben Gelehrten aus verschiedenen Fachbereichen, die den Kongreß als ein systematisches Ganzes konzipieren sollten. Zur Zusammensetzung des Aufsichtsrates, dem vor allem Vertreter amerikanischer Universitäten und sonstiger wissenschaftlicher Gremien angehörten, siehe u. a. Rogers, History, S. 4.
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Diesem Komitee gehörten neben Münsterberg der emeritierte Mathematik-Professor Simon Newcomb, der Jurist John Bassett Moore von der Columbia-Universität, der Soziologe Albion W. Small aus Chicago, der Pathologe William H. Welch von der Johns Hopkins-Universität, der Ingenieur Elihu Thomson und der Theologe George F. Moore von der Harvard-Universität an. Ebd., S. 7.
Im „committee“ kam es schnell zu einer Kontroverse zwischen Hugo Münsterberg und Albion W. Small, Professor für Soziologie an der Universität Chicago. Münsterberg wollte mit dem Gelehrtenkongreß der zunehmenden Spezialisierung innerhalb der Wissenschaften entgegenwirken und diese „unter dem Gesichtspunkt ihres logischen Zusammenhanges“ behandeln,
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um die „unity of knowledge“ herauszuarbeiten. Münsterberg, Gelehrtenkongreß, S. 566.
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Smalls Plan hingegen war weit pragmatischer ausgerichtet. Er bezeichnete Münsterbergs vom deutschen Idealismus geprägte Konzeption als eine „scholastic illusion“ und meinte, man müsse den Eindruck vermeiden, daß „the world turns on the pivot of academic science.“ Brief Hugo Münsterbergs an Frederick W. Holls vom 20. Okt. 1902, zitiert bei Coats, Alfred W., American Scholarship Comes of Age: The Louisiana Purchase Exposition 1904, in: Journal of the History of Ideas, vol. 22 (July–Sept. 1961), S. 405.
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Vielmehr müsse zum Ausdruck kommen, „that human interests, not logical categories make the world“. Brief Albion W. Smalls an Hugo Münsterberg vom 3. Febr. 1903, ebd., S. 406 f.
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Small, der im Gegensatz zu Münsterberg weniger die „unity of knowledge“ als die „unity of life“ in den Vordergrund gestellt sehen wollte, Brief Albion W. Smalls an Nicolas Murray Butler vom 17. Febr. 1903, ebd., S. 407.
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zielte auf die Glie[202]derung des Kongresses in sechs „functional groups“, in denen folgende Themen behandelt werden sollten: 1. The Promotion of Health, 2. The Production of Wealth, 3. The Harmonizing of Human Relations, 4. Discovery and Spread of Knowledge, 5. Progress in the Fine Arts, 6. Progress in Religion. Coats, American Scholarship, S. 406.
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Das „committee“ aber folgte nicht Small, sondern Münsterberg.[202] Rogers, History, S. 8.
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Man beschloß, den Kongreß in mehrere „divisions“ einzuteilen, die wiederum in „departments“ und „sections“ untergliedert sein sollten. Das endgültige Programm sah sieben „divisions“ vor: A. Normative Science; B. Historical Science; C. Physical Science; D. Mental Science; E. Utilitarian Sciences; F. Social Regulation; G. Social Culture. Ebd.
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Die „division“ B, „Historical Science“, zum Beispiel war in 6 „departments“ („Political and Economic History“, „History of Law“, „History of Language“, „History of Literature“, „History of Art“ und „History of Religion“) und in 32 „sections“ untergliedert. Insgesamt gab es 24 „departments“ und 130 „sections“. Es wurde beschlossen, die „divisions“ und „departments“ an den ersten beiden Tagen des Kongresses, also am 19. und 20. September 1904, die „sections“ an den darauffolgenden Tagen zusammentreten zu lassen. Die verschiedenen Fassungen des Programms, sowohl die vorläufigen als auch die endgültige, wurden in zahlreichen Handexemplaren veröffentlicht; die folgende Darstellung bezieht sich auf das Programm, wie es in: Congress of Arts and Science, vol. 1, S. 47–49, sowie S. 54–76, abgedruckt ist. Zu den theoretischen Überlegungen hinsichtlich dieser Einteilung siehe Münsterberg, Hugo, The Scientific Plan of the Congress, ebd., S. 85–134.
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Bei den „divisions“ sollte in einem Referat die Einheit des jeweiligen Wissenschaftsgebietes dargestellt werden; für die „departments“ waren zwei Referate vorgesehen, von denen das eine die grundlegenden Konzeptionen und Methoden zu behandeln und das andere den Fortschritt auf dem Fachgebiet während des letzten Jahrhunderts aufzuzeigen hatte. Die Redner in den „sections“ sollten schließlich das Verhältnis des von ihnen behandelten speziellen Zweigs („branch“) zu den anderen Zweigen des Fachgebietes diskutieren. Rogers, History, S. 16.
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Auf diese Weise, so die Hoffnung Münsterbergs, lasse sich ein Netzwerk intellektueller Beziehungen schaffen, „in which everything would be interrelated with everything else“, um so „the inner relation of the branches of human knowledge“ offenzulegen. Münsterberg, The Scientific Plan, S. 94.
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Mit der Entscheidung für Münsterbergs Plan endete die Tätigkeit des „committee on plan and scope“. Gleichwohl beschloß das „administrative board“, den chairman des Komitees, Simon Newcomb, sowie Small neben Münsterberg weiterhin an den Vorbereitungen zu beteiligen. Newcomb [203]wurde zum Präsidenten des Kongresses, Small und Münsterberg zu Vizepräsidenten ernannt. Brief Hugo Münsterbergs an Frederick W. Holls vom 20. Okt. 1902, zitiert bei Coats, American Scholarship, S. 406.
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[203] Rogers, History, S. 12, sowie Münsterberg, Gelehrtenkongreß, S. 566.
Zu ihren Aufgaben gehörte auch die Auswahl der Gelehrten, die während des Kongresses sprechen sollten. Neben den rund 320 vorgesehenen Referenten waren je 150 chairmen und secretaries zu bestellen, so daß letztlich über 600 Wissenschaftler ausgewählt und eingeladen werden mußten.
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Dabei wurde wohl nicht zuletzt aus Kostengründen – die Aufwandsentschädigung sollte für jeden Amerikaner 150 $ , für jeden Europäer 500 $ betragen Münsterberg, Gelehrtenkongreß, S. 566.
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– beschlossen, als Hauptredner in den „divisions“ und „departments“ sowie als chairmen und secretaries amerikanische Wissenschaftler zu bestellen und die Zahl der europäischen Redner in den „sections“ auf 130, also auf einen pro „section“, zu begrenzen. Rogers, History, S. 11.
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Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, „to find for every address the best man“, Münsterberg, Gelehrtenkongreß, S. 566.
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wurden zahlreiche amerikanische Universitäten, wissenschaftliche Gesellschaften sowie Repräsentanten von Kunst und Wissenschaft um Vorschläge gebeten, auf deren Basis man die endgültigen Einladungslisten erstellte. Münsterberg, The Scientific Plan, S. 127.
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Zwar behielt sich das „administrative board“ in jedem Einzelfall das letzte Wort vor, Rogers, History, S. 16.
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doch wurden die „Mehrheitswünsche dieser Berater […] fast durchweg entscheidend für die Auswahl der Einzuladenden.“ Ebd.
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Insgesamt ergingen 150 Einladungen an ausländische Wissenschaftler, von denen 117 zunächst angenommen wurden. Münsterberg, Gelehrtenkongreß, S. 567.
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Den größten Anteil hieran hatten die Deutschen, die schließlich mit 32 Personen, unter ihnen Ernst Troeltsch, Adolf von Harnack, Karl Lamprecht, Ferdinand Tönnies, Werner Sombart, Wilhelm Ostwald und Max Weber, vertreten waren. Diese Zahlen wurden bei den Eröffnungsreden des Kongresses am 19. September 1904 genannt. Rogers, History, S. 32.
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Angesichts der Bedeutung des Kongresses entschlossen sich die Verantwortlichen, die Einladungen persönlich zu überbringen, um den ausgewählten Referenten die Vorstellungen der Kon[204]greßleitung detailliert darzulegen. Die Größe der einzelnen Delegationen läßt sich anhand des in: Congress of Arts and Science, vol. 1, S. 54–76, abgedruckten Programms berechnen. Danach war das Deutsche Reich mit 32, England mit 21, Frankreich mit 16, Österreich mit zehn, Italien und Japan mit je vier, Kanada mit drei, Holland, Dänemark und Belgien mit je zwei Wissenschaftlern, Rußland, die Schweiz, Schweden und Mexiko mit jeweils einem Wissenschaftler vertreten. Eine diesbezügliche Aufstellung findet sich auch bei Ostwald, Wilhelm, Lebenslinien. Eine Selbstbiographie, 2. Teil. – Berlin: Klasing & Co. 1927, S. 411 f.
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Zu diesem Zweck reisten Newcomb, Small und Münsterberg, der diese Aufgabe für den deutschsprachigen Raum übernommen hatte, im Sommer 1903 nach Europa.[204] Rogers, History, S. 16.
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Ebd., S. 17, sowie Münsterberg, Gelehrtenkongreß, S. 567.
Über die näheren Umstände, unter denen die Aufforderung an Max Weber erging, in St. Louis zu sprechen, sind wir nur unzureichend informiert. Die Grundsatzentscheidung, Weber als Hauptredner für die „section“ „The Rural Community“ im Rahmen der „division“ „Social Regulations“ und des „departments“ „Social Science“ auszuwählen, dürfte darauf beruht haben, daß er seit der Enquete des Vereins für Sozialpolitik aus dem Jahre 1892, bei der er die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland untersucht hatte,
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sowie aufgrund seiner zahlreichen Abhandlungen zu Fragen der Agrarpolitik und ihrer sozialen Folgen 1892 als Band 55 der „Schriften des Vereins für Socialpolitik“ bei Duncker & Humblot erschienen (MWG I/3).
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als einer der führenden Experten auf diesem Gebiet im Deutschen Reich galt. Man wählte auch in seinem Fall die Form der persönlichen Werbung. So dürfte Hugo Münsterberg, der mit Max Weber seit der gemeinsamen Freiburger Zeit bekannt war, diesem am 23. Juli 1903 die offizielle Einladung des „Congress of Arts and Science“ überbracht haben. Vgl. dazu vor allem die in MWG I/4 abgedruckten Schriften und Reden aus den Jahren 1892–1899.
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Die erste Nachricht aus der Feder Max Webers, daß er nach St. Louis fahren wolle, datiert vom 10. Oktober 1903. In einem Brief an Lujo Brentano heißt es, er werde im Winter 1903/04 mit den Vorbereitungen für seinen „Louis’er Vortrag“ beginnen. Brief Hugo Münsterbergs an Simon Newcomb vom 22. Juli 1903, Library of Congress, Washington D.C., Newcomb Papers.
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Zwar scheint Weber, wie seine Frau berichtet, anfänglich durchaus „Hemmungen und Bedenken“ wegen seines noch immer labilen Gesundheitszustandes gehabt zu haben, Brief Max Webers an Lujo Brentano vom 10. Okt. 1903, BA Koblenz, Nl. Lujo Brentano, Nr. 67 (MWG II/4). Allerdings hatte Marianne Weber bereits am 23. August 1903 in einem Brief an Helene Weber den Plan einer Amerika-Reise für das nächste Jahr als bekannt vorausgesetzt. Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446.
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doch dürfte für die Zusage schließlich ausschlaggebend gewesen sein, daß sich ihm hier ein willkommener Anlaß für eine ausgedehnte USA-Reise bot. Über die Veranstaltung in St. Louis äußerte er sich in den folgenden Monaten allerdings ironisch. Seinem Bruder Alfred schrieb er, daß er für den Kongreß eine Stunde – „40 Min[uten] Vortrag, 20 Min[uten] für die Abhebung des Checks“ – einplane, Weber, Marianne, Lebensbild1, S. 292.
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und Georg von Below gegenüber bezeichnete er die [205]Tagung gar als einen „zoologischen Garten“, für den er sich habe einfangen lassen. Brief Max Webers an Alfred Weber vom 16. März 1904, Privatbesitz (MWG II/4).
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[205] Brief Max Webers an Georg von Below vom 17. Juli 1904 (Abschrift, masch.), GStA Berlin, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 30/4 (MWG II/4).
Weber erwog zumindest zeitweise, seine Zusage zu der in seinen Augen „höchst skurrilen Congreß-Veranstaltung“ zurückzuziehen.
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Die Ursache dafür waren Querelen im Vorfeld der Tagung, an denen insbesondere die deutschen Wissenschaftler beteiligt waren. In der von Münsterberg für den „Amtlichen Bericht“ angefertigten Abhandlung über den Gelehrtenkongreß wurden diese Mißhelligkeiten insofern angesprochen, als er feststellte, das große Übergewicht der deutschen Teilnehmer habe sich im Laufe des Jahres ein wenig verringert, „da die Deutschen in verhältnismäßig größerer Zahl als die Vertreter anderer Länder von der Erfüllung ihrer Zusage durch Krankheit oder berufliche Pflichten abgehalten“ worden seien. Brief Max Webers an Georg Jellinek, undat. [nach dem 21. Juni 1904], BA Koblenz, Nl. Georg Jellinek, Nr. 31 (MWG II/4).
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Obschon die Deutschen, wie bereits erwähnt, letztlich doch noch die größte Delegation bildeten und damit den „Löwenanteil“ der Teilnehmer stellten, Münsterberg, Gelehrtenkongreß, S. 567.
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war Münsterberg besorgt, daß die deutsche Wissenschaft in St. Louis nunmehr nur noch „sehr klaterig vertreten“ sein werde. Ebd.
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Max Weber vermutete den Grund für die zahlreichen Absagen der Deutschen in ihrer Unzufriedenheit mit der von der Kongreßleitung festgesetzten Aufwandsentschädigung, wobei er sich in dieser Frage rigoros gegen seine Kollegen stellte und ihnen, so in einem späteren Brief an Gustav Schmoller, „widerliche Geldgier“ vorwarf. Brief Marianne Webers an Helene Weber vom 22. Juli 1904, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446.
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„Die Leute, die jetzt ablehnen“, schrieb er seinem Bruder, „wollen alle noch mehr Geld herausschinden“, Brief Max Webers an Gustav Schmoller vom 14. Dez. 1904, GStA Berlin, Rep. 92, Nl. Gustav Schmoller, Nr. 196b (MWG II/4).
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und er bezeichnete Münsterberg gegenüber „die nachträgliche Bettelei um mehr Geld u. die nachträglichen Absagen aus pekuniären Gründen als eine Schäbigkeit u. dem deutschen Ansehen nachteilig.“ Brief Max Webers an Alfred Weber vom 16. März 1904, Privatbesitz (MWG II/4).
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Ähnlich argumentierte er auch in einem Brief an Georg Jellinek, in dem er seine Befürchtung ausdrückte, daß diese „nachträgliche Absage so vieler Deutscher“ nicht nur „das Interesse von [206]uns Jüngeren“, sondern auch „,nationale‘ Interessen unangenehm berührt“ und dadurch „unser Ansehen wenigstens schädigen“ könnte. Brief Max Webers an Hugo Münsterberg vom 17. Juli 1904, Boston Public Library, Nl. Hugo Münsterberg (MWG II/4).
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[206] Brief Max Webers an Georg Jellinek, undat. [nach dem 21. Juni 1904], BA Koblenz, Nl. Georg Jellinek, Nr. 31 (MWG II/4).
Obgleich Max Weber „die Höhe der Entschädigung an sich“ nicht diskutieren wollte,
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reagierte er doch aufgebracht auf das im Sommer 1904 entstandene Gerücht, daß es für die Gelehrten der einzelnen Nationen in finanzieller Hinsicht unterschiedliche Regelungen gäbe. Der Briefwechsel hierzu zwischen Max Weber und Hugo Münsterberg ist nicht vollständig überliefert, doch läßt sich der Konflikt aus zwei erhaltenen Briefen rekonstruieren. Brief Max Webers an Hugo Münsterberg vom 21. Juni 1904, Boston Public Library, Nl. Hugo Münsterberg (MWG II/4).
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Danach war dieses Gerücht von einem deutschen Professor in Umlauf gesetzt worden und hatte dann neue Nahrung durch einen Brief Münsterbergs an den Philosophen Wilhelm Windelband erhalten, in dem er die relativ geringe Aufwandsentschädigung damit begründete, „der ,Durchschnittsprofessor‘ reise ja doch 2. Classe u.s.w., u.s.w. und Geheimrat Althoff habe sich dieser Auffassung angeschlossen.“ Insbesondere die vermutete Einschaltung Friedrich Althoffs in diese Angelegenheit, der als Leiter der Abteilung für das Universitäts- und höhere Unterrichtswesen im preußischen Kultusministerium die deutsche Selbstdarstellung auf dem „Gelehrtenkongreß“ intensiv förderte, Es handelt sich dabei um die bereits mehrfach zitierten Briefe Webers an Münsterberg vom 21. Juni und 17. Juli 1904, beide Boston Public Library, Nl. Hugo Münsterberg (MWG II/4).
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erregte den Zorn Max Webers, der darin einen weiteren Ausdruck der autoritären Amtsführung Althoffs gesehen haben mag. In gereiztem Ton bat Weber um Aufklärung darüber, „ob etwa eine differenzielle Behandlung der Gelehrten der verschiedenen Nationen stattgefunden hat, d. h. ob den Deutschen wegen ihrer ,Lebenshaltung‘ weniger gezahlt werden soll als anderen.“ Darüber hinaus verwahrte er sich entschieden gegen den Ausdruck „deutscher Durchschnittsprofessor“ und drohte, seine Teilnahme an dem Kongreß abzusagen. Zwar gelang es Münsterberg, die Angelegenheit zu klären und die Wogen der allgemeinen Empörung zu glätten, doch dürfte für Max Weber zumindest insofern ein bitterer Beigeschmack geblieben sein, als Münsterberg in einem seiner Schreiben durchblicken ließ, ihm sei es bei der Vorbereitung des Kongresses doch recht „sauer“ geworden, Weber als Redner überhaupt „durchzusetzen“. Siehe dazu u. a. Brocke, Bernhard vom, Internationale Wissenschaftsbeziehungen und die Anfänge einer deutschen auswärtigen Kulturpolitik: Der Professorenaustausch mit Nordamerika, in: Ders. (Hg.), Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftspolitik im Industriezeitalter. Das ,System Althoff‘ in historischer Perspektive. – Hildesheim: August Lax (Edition Bildung und Wissenschaft) 1991, S. 185–242, insb. S. 189 und S. 201.
[207]Am 24. August 1904 traten Max und Marianne Weber zusammen mit Ernst Troeltsch die Reise in die USA an.
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Nachdem sie in New York von dem Germanisten William A. Hervey, einem Mitglied des offiziellen Empfangskomitees,[207] Über den Ablauf der USA-Reise unterrichten zahlreiche Briefe Max und Marianne Webers an Helene Weber, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446. Sie sind auszugsweise abgedruckt bei Weber, Marianne, Lebensbild1, S. 292–317.
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begrüßt worden waren und die augenscheinlich von den Veranstaltern geplanten Zwischenstationen an den Niagara-Fällen und in Chicago Rogers, History, S. 21.
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eingelegt hatten, erreichten sie, wie die Mehrzahl der übrigen Teilnehmer, Ebd.
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am 17./18. September St. Louis. Dort wurden Max und Marianne Weber von der Kongreß-Leitung bei der deutsch-amerikanischen Familie Gehner geradezu „fürstlich einquartiert.“ Ebd., S. 22.
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Der abendliche Gang durch das Weltausstellungsgelände machte auf Weber großen Eindruck. Er schilderte ihn als einen der „grandiosesten […], die wenigstens ich mich entsinnen kann, je gehabt zu haben.“ Brief Max Webers an Helene Weber vom 19. Sept. 1904, Bestand Max Weber-Schäfer. Deponat BSB München, Ana 446 (MWG II/4).
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Brief Max Webers an Helene Weber vom 20. Sept. 1904, ebd. (MWG II/4).
Am 19. September begann dann, wie Max Weber seiner Mutter schrieb, „der Kongreßschwindel.“
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Über die äußeren Bedingungen, unter denen der Vortrag Webers stattfand, gibt es nur spärliche Nachrichten. Wie aus dem Programm hervorgeht, wurde die „section“ „The Rural Community“ am 21. September um 15 Uhr in der „Hall 5“, der „Dormitory Hall“ im nordwestlichen Teil des Ausstellungsgeländes, eröffnet. Brief Max Webers an Helene Weber vom 19. Sept. 1904, ebd. (MWG II/4).
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Chairman dieser „section“ war Aaron Jones, secretary William Hill. Kurze Notizen über Webers in deutscher Sprache gehaltenen Vortrag und den des Korreferenten Kenyon F. Butterfield finden sich in zwei Lokalblättern, in der „Westlichen Post“ und in der „St. Louis Republic“ vom 22. September. Siehe dazu das Programm in: Congress of Arts and Science, vol. 1, S. 73, sowie „The International Congresses of Arts and Sciences“, in: The World’s Fair Bulletin, Nr. 12 von Okt. 1904, S. 22. Ein Lageplan der Weltausstellung ist u. a. in: Weltausstellung St. Louis 1904. Amtlicher Katalog. Ausstellung des Deutschen Reichs. – Berlin: Georg Stilke [1904], abgedruckt.
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Etwas informativer ist Marianne Webers Schilderung des Ablaufs in einem Brief an Helene Weber: „Das große Ereignis der letzten Woche war für mich Maxens Vortrag. Ihr könnt denken, was in mir vorging, als ich ihn nach 6½ Jahren wieder vor [208]einem aufmerksam lauschenden Hörerkreis stehen sah! Er sprach ausgezeichnet, sehr ruhig und doch kraftvoll, der Vortrag war nach Form und Inhalt glänzend, mit vielen politischen Pointen, die die Amerikaner interessierten. Der Hörerkreis war leider sehr klein, wie bei allen ausländischen Sprechern, die nicht, wie Harnack, Weltruf haben, aber es waren fast alle Fachkollegen da, und so hat er doch manche wertvolle Bekanntschaft gemacht, Einladungen erhalten etc.“ Westliche Post vom 22. Sept. 1904, S. 10, sowie St. Louis Republic vom 22. Sept. 1904, S. 2. In der St. Louis Republic heißt es: „[…] the principal address was delivered by Professor Max Weber of the University of Heidelberg, who discussed in German the development of the rural community.“
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[208] Brief Marianne Webers an Helene Weber vom 27. Sept. 1904, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446. Adolf Harnack hatte am 24. September in der Sektion „History of the Christian Church“ den Hauptvortrag gehalten; siehe dazu das Programm, in: Congress of Arts and Science, vol. 1, S. 60.
Auch Max Weber äußerte sich lobend über die gesamte Veranstaltung. An Georg Jellinek schrieb er, daß „die Ausstellung […] speziell nach der Seite des Geschmacks ganz hervorragend“ und daß „das Zusammensein mit den vielen recht interessanten Leuten des Kongresses […] – mit Maß genossen – doch sehr erfreulich“ sei.
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In einem Dankesbrief an Hugo Münsterberg heißt es: „[…] der Congreß in St. Louis übertraf die Erwartungen, die ich hegte. Er war unter allen Umständen eine Quelle der Anregung für alle Beteiligten, die den guten Willen hatten, von der gebotenen Gelegenheit Gebrauch zu machen.“ Brief Max Webers an Georg Jellinek vom 24. Sept. 1904, BA Koblenz, Nl. Georg Jellinek, Nr. 31 (MWG II/4).
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Wie aus weiteren Äußerungen Marianne Webers gegenüber ihrer Schwiegermutter hervorgeht, nahm Max Weber in der Tat zumindest an einigen offiziellen Zusammenkünften teil, so an einem „lunch“ bei dem deutschen Regierungsvertreter, Unterstaatssekretär im Reichsamt des Innern Theodor Lewald, von dem auch Wilhelm Ostwald berichtet, Brief Max Webers an Hugo Münsterberg vom 14. Nov. 1904, Boston Public Library, Nl. Hugo Münsterberg (MWG II/4).
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einem „dinner“ beim Gouverneur von Missouri und einem Empfang im „Deutschen Haus“, der von rund 1200 Personen besucht wurde. Ostwald, Lebenslinien, S. 419.
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An dem Anschlußprogramm, in dessen Verlauf auch ein Empfang beim amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt stattfand, Brief Mariannne Webers an Helene Weber vom 27. Sept. 1904, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446.
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nahmen Max und Marianne Weber jedoch nicht mehr teil, wie sie auch eine Einladung Münsterbergs für die europäischen Teilnehmer nach Cambridge/Mass. an die Harvard-Universität für Anfang Oktober Ostwald, Lebenslinien, S. 423 f.
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ablehnten, da sie sich zu dieser Zeit bereits auf der „Reise nach dem Süden zu unsren Verwandten“ befänden. Ebd., S. 426 f.
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Brief Max Webers an Hugo Münsterberg vom 20. Sept. 1904, Boston Public Library, Nl. Hugo Münsterberg (MWG II/4).
[209]Max Webers Vortrag in St. Louis wurde im Jahre 1906 im Band 7 der Dokumentation „Congress of Arts and Science“ unter dem Titel „The Relations of the Rural Community to Other Branches of Social Science“ veröffentlicht.
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Da sich die von der Kongreß-Leitung ausgesprochenen „Einladungen […] in jedem einzigen [sic!] Falle auf ein ganz bestimmtes durch den Grundplan gefordertes Vortragsthema“ bezogen,[209] Congress of Arts and Science, vol. 7, S. 725–746.
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um in ihrer Gesamtheit „ein systematisches Ganzes“ zu bilden, Münsterberg, Gelehrtenkongreß, S. 567.
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dürfte der Rahmen für Webers Vortrag von Anfang an recht eng gesteckt gewesen sein. Wann Weber mit der Ausarbeitung begann, wissen wir nicht. Doch erfahren wir aus dem bereits zitierten Brief an Lujo Brentano, daß er im Winter 1903/04, augenscheinlich im Zusammenhang mit seiner Abhandlung „Die Protestantische Ethik und der ,Geist‘ des Kapitalismus“, Ebd., S. 565.
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die Quellen zum Calvinismus auch im Hinblick auf den Vortrag in St. Louis noch einmal durcharbeiten wollte. Die erste Fassung ist erschienen in: AfSS, Band 20. 1904, S. 1–54, Band 21, 1905, S. 1–110 (MWG I/9).
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Wie sich einer Vorbemerkung zu seinem Ende 1904 veröffentlichten Aufsatz „Der Streit um den Charakter der altgermanischen Sozialverfassung in der deutschen Literatur des letzten Jahrzehnts“ Brief Max Webers an Lujo Brentano vom 10. Okt. 1903, BA Koblenz, NI. Lujo Brentano, Nr. 67 (MWG II/4).
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entnehmen läßt, konzipierte er den Vortrag für St. Louis dann zunächst als „Referat über den Stand der wesentlichsten agrarhistorischen Kontroversen in der deutschen Literatur“ und sammelte dafür Unterlagen. Dieser Aufsatz ist erschienen in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, hg. von Johannes Conrad u. a., Band 28, 1904, S. 433–470 (MWG I/6).
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Doch ließ er diesen Plan, der wohl auch nicht den Absichten der Veranstalter entsprochen hätte, wieder fallen und verwandte das bereits zusammengetragene Material für den oben genannten Aufsatz. Ebd., S. 433, Anm. 1. In einem Brief an Georg von Below vom 19. Juli 1904 heißt es noch, daß er in St. Louis „eine Stellungnahme zu der Streitfrage Wittich, Knapp, Henning, Meitzen, Brunner, Schröder, Heck“ geben wolle. GStA Berlin, Rep. 92, NI. Max Weber, Nr. 30/4 (Abschrift, masch.).
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Weber, Altgermanische Sozialverfassung, S. 433, Anm. 1.
Wie sich der erwähnten Vorbemerkung weiter entnehmen läßt, entschied sich Weber daraufhin, seinen Vortrag in St. Louis vorwiegend der Erörterung der Frage zu widmen, welche Bedingungen für die verschiedenartige Entwicklung des grundherrlich-bäuerlichen Verhältnisses in den westlichen und den östlichen Teilen des Deutschen Reichs entscheidend waren und welche staats- und sozialpolitischen Folgen sich daraus ergaben.
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Ebd.
[210]Bereits in der Frühphase der Vorbereitungen des Kongresses gingen die Organisatoren davon aus, daß die einzelnen Vorträge in einem Werk veröffentlicht würden, „exhibiting the unity, progress, and present state of knowledge“.
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Es sollte „a source-book for the future on the bases of scientific theory at the beginning of the twentieth century“ entstehen.[210] Rogers, History, S. 9.
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Die bereits in St. Louis gesammelten Vorträge wurden dem Direktor des Kongresses, Howard J. Rogers, übergeben, der für ihre Veröffentlichung verantwortlich zeichnete. Dabei hielt sich die insgesamt acht Bände umfassende Publikation im wesentlichen an das Schema des Kongreßprogramms. Ebd., S. 42.
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Allerdings entsprachen nicht alle Vorträge den Absichten und Zielen der Kongreßleitung. Ebd., S. 41.
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Mancher Referent, so Hugo Münsterberg, sei „so weit abgeschweift, daß er seinen eigentlichen Gegenstand nur zum Ausgangspunkte seiner Abhandlung nahm“, andere wiederum hätten ihr Thema so verengt, „daß die leitende Idee nur kümmerlich zum Ausdrucke kam“. Ebd.
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Gleichwohl wurden – nicht zuletzt aus Zeitgründen – von den Verfassern keine „Umarbeitungen, Ergänzungen und Kürzungen“ verlangt, und die Herausgeber redigierten die Texte nicht. Münsterberg, Gelehrtenkongreß, S. 570.
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Eine gewisse Ausnahme bildeten jene 44 Vorträge, die nicht in einer englischsprachigen Fassung übergeben worden waren. Ebd.
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Für diese Texte, zu denen auch die Abhandlung Max Webers gehörte, wurden, wie der Herausgeber versicherte, Übersetzer ausgewählt, die nicht nur perfekt zweisprachig waren und einen guten englischen Stil schrieben, sondern auch „thoroughly conversant with the subject on which the paper treated“. Rogers, History, S. 40 f.
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Mit der Übersetzung von Webers Text wurde Charles W. Seidenadel beauftragt, auf den diese Eigenschaften allerdings nur sehr eingeschränkt zutrafen. Er war nach dem Studium der Mathematik, Geschichte, Philosophie und klassischen Philologie in Karlsruhe nach St. Louis gegangen und hatte zeitweise an der Universität von Chicago klassische Philologie und Musik unterrichtet. Ebd., S. 41.
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Angesichts der vom Herausgeber beschriebenen Vorgehensweise müssen wir davon ausgehen, daß Max Weber auf die Übersetzung seines Beitrages keinen Einfluß nahm. Es ist darüber hinaus nicht sicher, ob sein im Dezember 1905 Münsterberg gegenüber geäußerter Wunsch: „Die Correktur des Congreß-Vortrages hoffe ich also bestimmt zu erhalten“, University of Chicago, Annual Report 1901.
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erfüllt wurde und er den Text vor seiner Veröffent[211]lichung überhaupt noch einmal sah, zumal sich in der dem Text vorgeschalteten biographischen Skizze eine Reihe sachlicher Fehler findet, die er wohl kaum übersehen hätte. Brief Max Webers an Hugo Münsterberg vom 2. Dez. 1905, Boston Public Library, Nl. Hugo Münsterberg (MWG II/4).
Zur Überlieferung und Edition
Ein deutschsprachiges Manuskript des Textes konnte nicht nachgewiesen werden.
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Der Abdruck folgt dem Text, wie er in der Übersetzung von Charles W. Seidenadel erschien: „The Relations of the Rural Community to Other Branches of Social Science“, in: Congress of Arts and Science. Universal Exposition, St. Louis, 1904, hg. von Howard J. Rogers, vol. 7. – Boston and New York: Houghton, Mifflin and Company 1906, S. 725–746 (A). Der Text enthält zahlreiche Fehler und Entstellungen, die auf die mangelnde Sprach- und Sachkompetenz des Übersetzers zurückgehen dürften. Schwierigkeiten bereiteten vor allem Fachbegriffe wie etwa „Sozialverfassung“ oder „Agrarverfassung“, die Seidenadel mit „social constitution“ bzw. „rural (agrarian) constitution“ übersetzte. Weitere Beispiele lassen sich mit „Großbetrieb“ („gross culture“, „gross operation“), „Kleinbauer“ („little peasant“), „Kulturnation“ („civilized nation“) und „bürgerlich“ („civic“, „civil“, „civilian“) anführen. Wegen des Fehlens eines Originalmanuskripts kann in den Text allerdings nur bei offensichtlichen Inkonsistenzen eingegriffen werden. Die später von Hans Gerth besorgte, teilweise freizügige Rückübersetzung, die unter der Überschrift „Kapitalismus und Agrarverfassung“, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Band 108, 1952, S. 431–452, veröffentlicht wurde, bleibt unberücksichtigt. [211] Wolfgang J. Mommsen unternahm Anfang der 1980er Jahre den Versuch, das Originalmanuskript Max Webers im Archiv der Universität Chicago zu finden. Nachlaßmaterialien von Charles W. Seidenadel, der hier zeitweise unterrichtet hatte, ließen sich nicht nachweisen. Weitere Recherchen bei dessen Sohn, Wolfgang Seidenadel, ergaben, daß sich auch in Privathand keine Nachlaßpapiere erhalten haben. Das Originalmanuskript muß demnach als verloren gelten.
Unter der Überschrift findet sich die Bemerkung: „(Translated by Professor Charles W. Seidenadel, Ph. D., University of Chicago)“. Dem Text vorangestellt ist eine kurze biographische Skizze. Sie lautet: „Max Weber, Regular Honorary Professor, University of Heidelberg. b[orn] Erfurt, Germany, April 4 [sic!], 1864. Dr. juris. Berlin, 1899 [sic!]. Assessor, Berlin, 1890; Privat-docent, University of Berlin, 1892: Special Professor of Commercial Law, ibid. 1893; Regular Professor of Political Economy, University of Freiburg, 1894; of Heidelberg, 1897; Regular Honorary Professor, Heidelberg, 1903. Author of History of Commercial Societies; The Condition of Agriculture in Germany, and numerous articles in commercial and scientific journals. Editor of Archiv für Sozialwissenschaft.“