[367]Editorischer Bericht
Zur Entstehung
Im 1872 gegründeten Verein für Sozialpolitik
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kam es nach dem Eintritt von Wissenschaftlern der „jüngeren“ Generation zu Richtungskämpfen, die nicht nur seine Existenz bedrohten, sondern vor allem seine Wirksamkeit in der Öffentlichkeit als Vorkämpfer einer staatlichen Sozialpolitik beeinträchtigten. Dies war der Hintergrund für die Absicht, „anläßlich des 40jährigen Bestehens des Vereins für Sozialpolitik eine Feier zu veranstalten“, welche nach innen und außen dokumentieren sollte, „daß der immer wieder totgesagte Verein fortbesteht und fortbestehen wird.“ Diese Feier wollte man in Berlin ausrichten und dabei „den Veteranen von 1872, an ihrer Spitze Schmoller, eine Art von Bekenntnis der Jüngeren“ darbringen. Während der Veranstaltung sollten „eine Reihe kurzer, jede Polemik nach außen und jede aggressive Tendenz“ vermeidende Ansprachen gehalten werden, mit dem Ziel, die Verdienste der Pioniere des Vereins für Sozialpolitik zu würdigen. Max Weber beabsichtigte ein Referat über „Sozialpolitik, Staatsräson und Vaterland“.[367] Im Oktober 1872 hatte in Eisenach eine vorbereitende Tagung stattgefunden. Die offizielle Gründung des Vereins für Sozialpolitik erfolgte am 13. Oktober 1873. Vgl. dazu Boese, Franz, Geschichte des Vereins für Sozialpolitik 1872–1932 (Schriften des Vereins für Sozialpolitik 188). – Berlin: Duncker & Humblot 1939, S. 1–18.
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Brief Max Webers an Hermann Schumacher vom 25. Juni 1912, GNM Nürnberg, ABK, NI. Hermann Schumacher, Fasz. 14 (MWG II/7, S. 575 f.).
Schon bald zeigte sich freilich, daß eine Veranstaltung dieser Art keineswegs auf ungeteilte Zustimmung stoßen würde. Lujo Brentano etwa, der gemeinsam mit Gustav Schmoller zu den Gründungsvätern des Vereins gehörte, hatte von Anfang an nicht für eine „Feier von Personen“, sondern für eine sozialpolitische Kundgebung plädiert, um in die stagnierende amtliche Sozialpolitik wieder Bewegung zu bringen.
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Schmoller wiederum befürchtete, [368]daß bei einer solchen Zusammenkunft die alten Konflikte erneut aufbrechen würden. Brief Lujo Brentanos an Max Weber vom 2. Juli 1912, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446. Dies geht auch aus einem Brief Heinrich Herkners an Max Weber vom 26. Juni 1912, ebd., sowie aus einem Brief Max Webers an Lujo Brentano vom 3. Juli 1912, BA Koblenz, Nl. Lujo Brentano, Nr. 67 (MWG II/7, S. 590), hervor.
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Er lehnte deshalb seine Teilnahme ab. [368] Dies läßt sich einem Brief Max Webers an Gustav Schmöller vom 15. Juli 1912, GStA Berlin, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 204a (MWG II/7, S. 621), entnehmen.
Nachdem der Plan einer Jubiläumsveranstaltung damit gescheitert war, trat nun auch Max Weber Brentanos Idee einer „radikalen Sonderdemonstration“ näher, die eine „Aktion für Sozialpolitik“ werden sollte. Ende August 1912 formulierte Brentano ein Einladungsschreiben,
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gegen dessen Inhalt Max Weber zahlreiche Einwände erhob. Insbesondere Brentanos Vorschlag, an erster Stelle die Frage der „Teuerung“ zu behandeln, hielt Max Weber für inopportun, weil dies die „Zollfrage“ aufwerfe. Ein Entwurf des Einladungsschreibens befindet sich im BA Koblenz, Nl. Lujo Brentano, Nr. 67.
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In den folgenden Wochen konzentrierte sich die Debatte zwischen Brentano und ihm auf die Frage, inwieweit die „handelspolitische Stellungnahme“ Bestandteil der geplanten Veranstaltung sein dürfe. Obwohl Max Weber betonte, daß er persönlich „jedes Freihandelsbekenntnis“ gerne mitmache, lehnte er eine Verknüpfung von „Getreidezöllen und Sozialpolitik“ ab. Brief Max Webers an Lujo Brentano, nach dem 26. August 1912, ebd. (MWG II/7, S. 646).
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Er stellte es Brentano zwar anheim, „eine freihändlerisch-sozialpolitische Sekte“ ins Leben zu rufen, begründete sein Verlangen nach „strikter Ausschließung aller nicht ganz spezieller Kernpunkte der Sozialpolitik betreffenden Dinge“ jedoch damit, daß Freihandelsdoktrin und staatliche Sozialpolitik grundsätzlich unvereinbar seien. Dies geht aus zwei undatierten Briefen Max Webers an Lujo Brentano, die Anfang September 1912 geschrieben worden sein dürften, hervor. Ebd. (MWG II/7, S. 649 und 651).
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Dennoch war er durchaus bereit, an der für den 19. Oktober 1912 in Leipzig geplanten vorbereitenden Besprechung teilzunehmen, „aber mit absolut freier Hand“ und nur, wenn ihn diese Besprechung zu nichts weiterem verpflichte. Eindringlich gab er Brentano zu verstehen, daß er seinen Standpunkt „taktisch und prinzipiell“ wahren werde. Brief Max Webers an Lujo Brentano vom 5. Sept. 1912, ebd. (MWG II/7, S. 652 f.).
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So in den Briefen Max Webers an Lujo Brentano vom 11. und 16. Sept. 1912, ebd. (MWG II/7, S. 656 f. und 668 f.).
Wie aus einem Rundschreiben Lujo Brentanos „an die Teilnehmer der Leipziger Besprechung“ vom 22. Oktober 1912
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hervorgeht, trafen sich Karl Bücher, Max Weber, Alfred Weber, Otto von Zwiedineck-Südenhorst, Gerhard Kessler, Robert Drill, Ferdinand Tönnies, Robert Wilbrandt, Edgar Jaffé und Theodor Vogelstein in Leipzig. Entschuldigt hatten sich Friedrich Naumann, Gerhart von Schulze-Gävernitz und Martin Cohn. Wie dem Rund[369]schreiben weiter zu entnehmen ist, sollte in den Weihnachtsferien in Frankfurt a.Μ. „eine größere Zusammenkunft“ zu folgenden Themen stattfinden: „1.) Warum hat die bisherige Sozialpolitik ihre Ziele nicht erreicht? 2.) Voluntarismus oder Staats-Sozialismus. 3.) Das Konsumenten-Interesse sozialpolitisch betrachtet. 4.) Arbeits-Vertragsrecht. 5.) Beamten-Recht. 6.) Bauernpolitik.“ Es gehe dabei nicht „um eine Agitation, sondern um eine Manifestation zur Aufrüttelung des Geistes des deutschen Volkes.“ Zur Vorbereitung der Frankfurter Tagung wurde eine dreiköpfige Kommission, bestehend aus Karl Bücher, Robert Drill und Max Weber, eingesetzt. Sie sollte die Einladung für einen erweiterten Personenkreis formulieren. Ein Exemplar dieses Rundschreibens befindet sich im GStA Berlin, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 30/6 (Abschrift, masch.).
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Die Koordination wurde dem Münchener Nationalökonomen Theodor Vogelstein übertragen, der bereits an der Planung der ursprünglich beabsichtigten „Jubiläumsfeier“ beteiligt gewesen war. [369] Dies geht aus dem in Anm. 10 zitierten Rundschreiben Lujo Brentanos vom 22. Okt. 1912 hervor.
Auf der Zusammenkunft in Leipzig kam es zu Auseinandersetzungen darüber, ob Sozialdemokraten hinzuziehen seien und ob man die Frage des Freihandels berücksichtigen solle. Dies führte zu einem schweren Zerwürfnis zwischen Max Weber und Brentano. Ein Antrag, Sozialdemokraten einzuladen, wurde „mit allen gegen die Stimmen Brentano, Tönnies und Wilbrandt abgelehnt.“ Brentano nannte diese Entscheidung in seinem Rundschreiben „verhängnisvoll“, weil „in einem Augenblick, in dem selbst die liberalen Parteien keinen Anstand mehr nehmen, mit den Sozialdemokraten auf politischem Gebiet zusammen zu gehen, […] Männer der Wissenschaft Sozialdemokraten von einer rein geistigen Diskussion“ ausschlössen. Insbesondere durch Max Webers Standpunkt, „es gelte zu zeigen, was die bürgerlichen Parteien allein könnten“, habe man den Boden „der rein intellektuellen Aufklärung“ verlassen und den „der politischen Parteibildung“ betreten. Webers Haltung sei deshalb besonders auffallend, weil er ausdrücklich betont habe, „daß Männer, die sich zum Zentrum zählen, eingeladen werden sollten.“ Brentano ging auch auf die im Vorfeld der Besprechung geführte Debatte über die Behandlung der Zollfrage ein, wobei er sich von den seinerzeit vorgebrachten Argumenten Max Webers deutlich distanzierte, ohne diesen freilich ausdrücklich zu nennen. Dies alles – der Ausschluß von Sozialdemokraten und die Zurückweisung der Diskussion „über die sozialpolitisch so wichtige, durch unsere Zollpolitik herbeigeführte Erschwerung des Lebens der arbeitenden Klassen“ – habe ihn „zu der Erwägung veranlaßt, ob denn die Übereinstimmung, die in Leipzig erzielt worden ist, doch nicht nur eine rein äußerliche“ sei. Angesichts der bei der Veranstaltung deutlich gewordenen Mehrheitsmeinung halte er es für angebracht, an der geplanten Frankfurter Zusammenkunft nicht teilzunehmen, [370]da er es in seinem „persönlichen Wirken als ein neues Hemmnis empfinden“ würde, wenn er „an, wie es sich nun gezeigt hat, so verschieden Denkende gebunden wäre.“
Max Weber war über dieses „Rundschreiben“ Brentanos verärgert. In einem Brief vom 25. Oktober 1912 warf er diesem vor, er habe nicht nur die Gründe „unvollständig wiedergegeben“, aus denen er „für die ausschließlich ,bürgerliche‘ Zusammensetzung der Frankfurter Vorbesprechung eingetreten“ sei, sondern auch verschwiegen, „daß ich ausdrücklich hinzusetzte: die Zuziehung von Sozialdemokraten könne später immer noch erfolgen, falls sie nützlich erschiene.“ Weber empfand Brentanos Vorgehen so brüskierend, daß er den Kontakt zu ihm für alle Zukunft abbrechen wollte.
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Noch Wochen später schrieb er an Robert Wilbrandt, der ja in Leipzig auf der Seite Brentanos gestanden hatte, daß er Brentano seine „persönliche Freundschaft, und zwar für immer, gekündigt“ habe: „Denn die Verantwortung dafür, durch lächerlichen Eigensinn in einer rein taktischen Frage und durch das billige Bedürfnis, auf Kosten Anderer (insbesondre: meiner) als der ,Vorurteilslosere‘ zu erscheinen, eine vielleicht gute Sache geschädigt zu haben, soll ihm und Andren nicht erspart bleiben. Auch Ihnen nicht, sehr geehrter Herr College, die Verantwortung, dies Verhalten unterstützt zu haben.“[370] Brief Max Webers an Lujo Brentano vom 25. Okt. 1912, BA Koblenz, Nl. Lujo Brentano, Nr. 67 (MWG II/7, S. 712).
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Brief Max Webers an Robert Wilbrandt vom 21. Nov. 1912, GStA Berlin, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 28 (MWG II/7, S. 765 f.).
Angesichts dieser Konflikte scheint auch Max Weber erwogen zu haben, sich von der gesamten Angelegenheit zurückzuziehen. Marianne Weber jedenfalls sah sich veranlaßt, ihren Mann zu beschwören, „die Sache ohne Brentano“ zu machen: „Wirf den Andern jetzt nicht auch Deinerseits den Kram vor die Füße, das wäre zu schade u. ein neuer ,Skandal‘.“
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Brief Marianne Webers an Max Weber, undat. [Okt. 1912], Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446.
Max Weber blieb dann in der Tat bei der Sache und ergriff seinerseits die Initiative. Am 15. November 1912 verfaßte er ein Rundschreiben „An die Herren Teilnehmer der Leipziger Besprechung“,
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in dem er das in Leipzig verabschiedete „Arbeitsprogramm“ erläuterte, noch einmal seine Position darstellte und organisatorische Einzelheiten für die Zusammenkunft in [371]Frankfurt besprach. Dabei betonte er, daß es sich bei der geplanten Zusammenkunft keineswegs um „rein akademische Erörterungen auf dem Boden der ,Voraussetzungslosigkeit‘“ handeln sollte, sondern daß es dabei durchaus auch um „eine uns allen gemeinsame […] praktisch-politische Stellungnahme“ gehe. Beim Thema „Bauernpolitik“ sei eine „Kritik der gegenwärtigen Verfälschung der inneren Kolonisation“ in den Vordergrund zu stellen. Bei der „Arbeiterfrage“ sei eine Behandlung „vom Standpunkt des Herrenrechtes oder des Patriarchalismus“ entschieden abzulehnen. Vielmehr sei „die gleichberechtigte Teilnahme der Arbeiterschaft an der kollektiven Vereinbarung der Arbeitsbedingungen“ zu unterstützen und die „zunehmende Überlegenheit der Unternehmerorganisationen aller Art in Verbindung mit juristischen und polizeilichen Chikanen“ kritisch zu beleuchten. Insbesondere sei gegen die „Zustände der Kapitalherrschaft“, wie sie vor allem in der Stahl- und Eisenindustrie herrschten, zu kämpfen, „weil wir in einem Lande von Bürgern und nicht von Hörigen leben wollen.“ Beim „Beamtenrecht“ sei vor allem auf die Entwicklung der „unaufhaltsam wachsenden Zahl von beamtenartigen Angestellten“ zu einer „im innerlichsten Sinn kulturlosen […] Schicht seelisch unselbständiger Menschen“ zu achten. Auch auf den Konflikt mit Lujo Brentano ging er ein. Er trug noch einmal vor, weshalb das Thema „Freihandel“ grundsätzlich ausgeklammert bleiben sollte, und legte ausführlich seinen Standpunkt hinsichtlich der Hinzuziehung von Sozialdemokraten dar. Da über die künftige Richtung der Sozialpolitik auf dem Gebiet der Arbeiterfrage Unsicherheit herrsche – wie dies auch schon „in der Formulierung des wichtigsten Verhandlungsthemas (Voluntarismus oder Staatssozialismus) zum Ausdruck“ komme –, sei die Mitwirkung von Sozialdemokraten nicht sinnvoll. Dies sei schon wegen der „künftigen Beziehungen zur Sozialdemokratie“ geboten, da man zum jetzigen Zeitpunkt nur Vertreter des „revisionistischen“ Flügels einladen könne. Aus ähnlichen Erwägungen lehne er auch die Hinzuziehung von Gewerkschaftsvertretern ab, da man diese „an ihrem für sie unentbehrlichen einfachen Katechismus irre“ machen würde. Als Ziel der Frankfurter Versammlung nannte er „die Schaffung einer Kollektivmeinung“, die dem „bedrohlichen Abflauen und Ausdermodekommen der sozialpolitischen Stimmung in Deutschland“ entgegenwirke. Dies solle nicht mit Hilfe eines „neuen Propagandavereins“ geschehen, sondern durch „wiederkehrende, nichtöffentliche, freie und unverbindliche Besprechungen“, bei denen sich dann „feste Richtlinien für eine möglichst breite sozialpolitische ,Linke‘“ ausarbeiten ließen. Abschließend beschäftigte sich Max Weber mit organisatorischen Fragen. Augenscheinlich hatte bereits zu diesem Zeitpunkt eine Reihe von Personen ihre Bereitschaft signalisiert, einige der vorgeschlagenen Themen zu behandeln. So wollte Karl Bücher über „Konsumentenpolitik“ und Alfred Weber über die „Beamtenfrage“ referieren. Für das Thema [372]„Voluntarismus oder Staatssozialismus“ hoffte Max Weber auf die Mitwirkung von Theodor Vogelstein. Ferner regte er an, die „eigentlich sozialpolitischen Themata“ an den Anfang zu stellen und dann die Gebiete „Beamtenrecht“, „Konsumentenpolitik“ und „Bauernpolitik“ folgen zu lassen. Er schlug mehrere Termine vor; den 28./29. Dezember 1912, den 29./30. Dezember 1912, den 2./3. Januar 1913 oder den 3./4. Januar 1913. Er bat die Angeschriebenen um die vertrauliche „Benennung von einzuladenden Persönlichkeiten“; die Kommissionsmitglieder würden dann nach eingehender Beratung entsprechende Einladungen versenden. Ein Exemplar dieses Rundschreibens befindet sich im GStA Berlin, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 30/6. Bernhard Schäfers veröffentlichte eine Fassung aus dem Nachlaß Johann Plenge, UB Bielefeld, unter der Überschrift „Ein Rundschreiben Max Webers zur Sozialpolitik“, in seinem Buch: Soziologie und Gesellschaftsentwicklung. Aufsätze 1966–1996. – Opladen: Leske + Budrich 1996, S. 425–432. Dieses sowie die beiden folgenden Rundschreiben vom 19. Dezember 1912 und vom 21. Februar 1913 kommen in MWG II/7, S. 748–757 und 807–810, und MWG II/8 zum Abdruck.
Max Weber erklärte sich zudem bereit, „auf Grund der schleunigst erbetenen prinzipiellen Äußerungen der Herren Teilnehmer, den Entwurf eines kurzen Einladungsschreibens herzustellen und zur Genehmigung oder Korrektur zu unterbreiten“.
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In der Tat verfaßte er in den nächsten Wochen den im folgenden abgedruckten „Entwurf“ für ein Einladungsschreiben. Diesen schickte er am 4. Dezember 1912 mit einem Begleitschreiben an Karl Bücher, das eine 41 Namen umfassende Vorschlagsliste enthielt.[372] MWG II/7, S. 757.
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Von diesem „Entwurf“ sind zwei Exemplare nachgewiesen, eines im Nachlaß Karl Bücher und eines in Privatbesitz. Eine redigierte Fassung ist nicht überliefert. Vermutlich ist der Entwurf nicht überarbeitet und auch nicht an den zur Teilnahme an der Frankfurter Tagung vorgesehenen Personenkreis verschickt worden. Dies wird dadurch gestützt, daß sich im Nachlaß des Leipziger Nationalökonomen Johann Plenge, der zur Mitwirkung an der Frankfurter Tagung aufgefordert werden sollte, nicht dieses Einladungsschreiben, sondern Max Webers Rundschreiben vom 15. November befindet, das dieser ihm am 6. Dezember 1912 hat zukommen lassen. Brief Max Webers an Karl Bücher vom 4. Dez. 1912, UB Leipzig, Nl. 181 (Karl Bücher) (MWG II/7, S. 773 f.). Es handelte sich – neben den Teilnehmern der Leipziger Besprechung vom 19. Oktober 1912 – unter anderem um Ignaz Jastrow, Heinrich Herkner, Walter Lotz, Max Lenz, Arthur Salz, Heinrich Dietzel, Moritz Julius Bonn und Paul Mombert. Daneben sollten auch Vertreter der Presse, etwa des „Berliner Tageblatts“, der „Vossischen Zeitung“ und des „Börsen-Couriers“ eingeladen werden.
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Insbesondere dieser Zeitpunkt der Versendung legt nahe, daß das Rundschreiben vom 15. November das offizielle Einladungsschreiben darstellte. Vgl. dazu Schäfers, Rundschreiben, S. 419 ff.
Die Organisation der Frankfurter Tagung machte offenbar nur langsame Fortschritte. Zwar gab es durchaus Antworten und Stellungnahmen aus dem Kreis der Angeschriebenen,
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doch erwies es sich augenscheinlich als ausgesprochen schwierig, die unterschiedlichen Meinungen miteinander in Einklang zu bringen. Plenge etwa lehnte seine Mitwirkung am 15. Dezember [373]unter anderem mit Hinweis auf die führende Rolle Naumanns an dieser Tagung ab. Siehe etwa die Briefe Gerhard Kesslers an Max Weber vom 25. Nov. 1912, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446, sowie Franz Eulenburgs an Max Weber vom 8. Dez. 1912, ebd.
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So sah sich Max Weber veranlaßt, am 19. Dezember in einem weiteren Rundschreiben „An die Herren Teilnehmer der Leipziger Besprechung“[373] Zur Haltung Plenges vgl. Schäfers, Rundschreiben, S. 422 f.
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eine Verschiebung der geplanten Frankfurter Tagung auf das „Ende der 1. Märzwoche“ 1913 anzukündigen, da insbesondere die Behandlung der „Sozialpolitik (Arbeiterfrage) einer Verteilung der Referate mit wirklich ganz präzisen Fragestellungen“ bedürfe und die dazu notwendigen Thesen „bisher von keiner Seite vorgelegt“ worden seien. Ein Exemplar befindet sich im GStA Berlin, Rep 92, Nl. Max Weber, Nr. 30/6 (MWG II/7).
In den folgenden Wochen scheinen die Vorbereitungen dann geruht zu haben, denn Friedrich Naumann erkundigte sich am 27. Januar 1913 bei Max Weber, ob er sich, nachdem er „einige Wochen lang von unserem gemeinsamen Projekt einer Besprechung in Frankfurt nichts mehr gehört habe, […] die Tage 8. und 9. März endültig für diese Sache freihalten“ solle.
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Offensichtlich fiel Max Webers Antwort auf diese Anfrage recht skeptisch aus, und er scheint bereits zu dieser Zeit als Alternativtermin Pfingsten 1913 genannt zu haben. Naumann lehnte diesen Termin jedoch ab und wollte „den 8. und 9. März festhalten in der Erwartung“, daß es Max Weber doch noch gelingen möge, „eine größere oder kleinere Zahl der notwendigen Personen bis dahin einzuladen.“ An Terminschwierigkeiten insbesondere der Parlamentarier solle der „Plan im Ganzen doch nicht scheitern.“ Brief Friedrich Naumanns an Max Weber vom 27. Jan. 1913, BA Potsdam, Nl. Friedrich Naumann, Nr. 106.
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Brief Friedrich Naumanns an Max Weber vom 30. Jan. 1913, BA Potsdam, Nl. Friedrich Naumann, Nr. 106.
Am 21. Februar 1913 mußte Max Weber die Tagung jedoch in einem weiteren Rundschreiben „An die Herren Teilnehmer der Leipziger Besprechung“
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erneut – und dieses Mal auf unbestimmte Zeit nach Mai 1913 – verschieben. Zwar kündigte er darin an, daß er „Anfang Mai den Herren abermals Vorschläge für den Termin der Versammlung machen“ werde und weiterhin Anregungen hinsichtlich der personellen und konzeptionellen Gestaltung der Tagung erwarte, doch bricht die Korrespondenz mit diesen Rundschreiben endgültig ab. Es ist also wahrscheinlich, daß diese als große sozialpolitische Aktion in Aussicht genommene Veranstaltung nie über das Planungsstadium hinauskam. Ein Exemplar befindet sich im GStA Berlin, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 30/11. Eine textidentische maschinenschriftliche Ausfertigung – datiert auf den 22. Februar 1913 – befindet sich in der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek Kiel, Nl. Ferdinand Tönnies (MWG II/8).
[374]Zur Überlieferung und Edition
Von den im Zusammenhang mit der geplanten Frankfurter Tagung gefertigten Rundschreiben Max Webers wird hier der „Entwurf“ für das offizielle Einladungsschreiben abgedruckt. Die drei anderen Rundschreiben vom 15. November und 19. Dezember 1912 sowie vom 21. Februar 1913 behandeln vorwiegend Koordinations- und Terminfragen. Sie besitzen nicht den Status einer Schrift und werden deshalb in der Abteilung Briefe der Max Weber-Gesamtausgabe ediert.
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[374] MWG II/7 und MWG II/8.
Der „Entwurf“ des Einladungsschreibens ist uns nur als vierseitiges, undatiertes Typoskript überliefert, das in den Wochen zwischen dem 15. November und dem 4. Dezember 1912 entstand. Ein Exemplar befindet sich in der Universitätsbibliothek Leipzig, Nl. 181 (Karl Bücher) (A). Es trägt die handschriftliche Überschrift „Entwurf“ und eine Einfügung von Max Webers Hand. Ein zweites Exemplar wurde der Max Weber-Gesamtausgabe aus Privatbesitz zur Verfügung gestellt (B). Der Abdruck folgt A unter Annotation der Varianten von B.