Wortbildmarke BAdW

MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[189]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Im April-Heft 1905 des „Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ erschien ein Aufsatz über „Die soziale Zusammensetzung der sozialdemokratischen Wählerschaft Deutschlands“.
1
[189] AfSS, Band 20, Heft 3, 1905, S. 507–550.
Als Verfasser zeichnete „Dr. R. Blank“. Es handelt sich dabei vermutlich um den russischen Publizisten Rubin (oder Reuben) Blank, der im Jahre 1896 in Berlin mit einer Arbeit aus dem Gebiet der Chemie promoviert worden war.
2
Blank, Rubin, Über Benzalmalonsäure und Metachlorbenzalmalonsäure. Beitrag zur Stereochemie des doppelt gebundenen Kohlenstoffatoms. – Berlin: A. W. Schade’s Buchdruckerei 1896.
Danach hatte er sich zunehmend politisch betätigt und war Mitarbeiter zahlreicher russischer Zeitschriften.
Ausgehend von der Feststellung, daß die Sozialdemokratische Partei bei der Reichstagswahl 1903 erheblich mehr Stimmen erhalten hatte, als es dem Anteil der Arbeiter an der Zahl der Wahlberechtigten entsprach, stellte Blank den Klassencharakter der Sozialdemokratie in Frage. Anhand einer vergleichenden Analyse der Berufs- und Wahlstatistiken bestimmte er die sozialdemokratische Wählerschaft nach ihrer regionalen Verteilung, ihrem bürgerlichen Anteil sowohl in den Großstädten als auch auf dem Land sowie nach konfessionellen Gesichtspunkten. Daraus zog er Schlußfolgerungen über den sozialpolitischen Charakter der Partei. Zwar seien die bürgerlichen Elemente noch in der Minderheit, doch gewännen sie zunehmend Einfluß auf die Taktik.
3
Blank, Zusammensetzung, S. 539 f.
Deshalb sei die Sozialdemokratie „weniger Ideengemeinschaft, als Interessengemeinschaft.“
4
Ebd., S. 544.
Abschließend kam Blank zu dem Urteil: „Und so ist die deutsche Sozialdemokratie, sowohl in ihrer sozia[190]len Zusammensetzung, wie in ihrem sozialpolitischen Charakter, eine große Koalitionspartei, in der sich die demokratischen Elemente verschiedener sozialer Klassen, die nach Freiheit, Gleichheit und sozialem Fortschritt streben, vereinigt haben zum gemeinsamen Kampfe für ihre gemeinsamen Bestrebungen und zum gemeinsamen Widerstande gegen ihre gemeinsamen Feinde.“
5
[190] Ebd., S. 550.
Mit seiner Untersuchung hatte Blank eine Frage behandelt, die auch Max Weber sehr interessierte und der er in der Auseinandersetzung mit den parteisoziologischen Arbeiten Robert Michels’
6
Siehe dazu u. a. Michels, Robert, Die deutsche Sozialdemokratie, in: AfSS, Band 23, 1906, S. 471–556, ders., Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens. – Leipzig: Dr. Werner Klinkhardt 1911.
später große Aufmerksamkeit widmete. Wie aus der Korrespondenz mit Michels hervorgeht, erschien Weber eine Analyse der „,Anatomie‘ der Partei“ besonders wünschenswert, um „das gegenseitige Gewicht der einzelnen Struktur-Teile der Partei vom ,Mitläufer‘ durch den ,Organisierten‘ bis hinauf zu den Berliner Instanzen, kurzum, alle jene Abhängigkeits-Verhältnisse“ zu erkennen.
7
Brief Max Webers an Robert Michels vom 26. März 1906, MWG II/5, S. 56–58, hier S. 57.
Max Weber förderte die Arbeit Blanks im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik sehr, indem er nicht nur die „Bemerkungen im Anschluß an den vorstehenden Aufsatz“ verfaßte, sondern auch einen Teil der Druckkosten übernahm.
8
Brief Max Webers an Paul Siebeck vom 30. März 1905, VA Mohr/Siebeck, Deponat BSB München, Ana 446 (MWG II/4).
Die Drucklegung des Artikels von Blank verlief nicht ganz störungsfrei. Das Manuskript wurde dem Verlag mit den anderen für Heft 3 vorgesehenen Manuskripten am 17. Januar 1905 von Edgar Jaffé übersandt.
9
Brief Edgar Jaffés an Paul Siebeck vom 17. Jan. 1905, VA Mohr/Siebeck, Tübingen, Nr. 199.
Am 22. Februar jedoch teilte Edgar Jaffé mit, daß aus aktuellem Anlaß ein Aufsatz von August Brust über den Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet
10
Brust, August, Der Bergarbeiterstreik im Ruhrrevier, in: AfSS, Band 20, 1905, S. 480– 506.
in das dritte Heft eingeschoben werde und deshalb „Blank […] für das nächste Heft zurückstehen“ müsse.
11
Brief Edgar Jaffés an Paul Siebeck vom 22. Febr. 1905, VA Mohr/Siebeck, Tübingen, Nr. 199.
Blank wollte hierauf allerdings „auf keinen Fall eingehen.“
12
Brief Edgar Jaffés an Paul Siebeck vom 6. März 1905, ebd.
Man einigte sich schließlich darauf, „daß sein Beitrag doch noch im laufenden Heft“ erschien und Blank auf sein Honorar verzichtete.
13
Ebd.
[191]Vermutlich als Entschädigung wurden ihm von den 60 Separatabzügen 48 überlassen.
14
[191] Vgl. dazu die Briefe Edgar Jaffés an Paul Siebeck vom 13. und 24. März 1905, sowie das Honorartableau für Band 20, Heft 3, ebd.
Wann genau Max Weber die „Bemerkungen“ verfaßte, wissen wir nicht. Aus einem Schreiben Jaffés an Siebeck vom 13. März 1905 geht jedoch hervor, daß die Revision zu diesem Zeitpunkt – im Gegensatz zu den anderen Bögen, für die bereits das Imprimatur erteilt war – noch nicht vorlag.
15
Brief Edgar Jaffés an Paul Siebeck vom 13. März 1905, ebd.

Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der hinter der Abhandlung von R. Blank „Die soziale Zusammensetzung der sozialdemokratischen Wählerschaft Deutschlands“ in Petitdruck und mit der Autorenangabe „Max Weber“ unter der Überschrift „Bemerkungen im Anschluß an den vorstehenden Aufsatz“ im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, hg. von Werner Sombart, Max Weber und Edgar Jaffé, Band 20, Heft 3, 1905, S. 550–553, erschien (A).