[421]Editorischer Bericht
Zur Entstehung
Der „Bund für Mutterschutz“ gehörte im Kaiserreich zu den bekanntesten Vereinen der radikalen bürgerlichen Frauenbewegung. Er wandte sich gegen die soziale Diskriminierung lediger Mütter und nichtehelicher Kinder und trat für die Besserung ihrer wirtschaftlichen Situation ein. Durch finanzielle und praktische Maßnahmen wollte er die Betroffenen unterstützen. Darüber hinaus stellte der Bund ein Forum für die Verbreitung einer „neuen Ethik“ dar, für den „Kampf für eine neue geschlechtliche Sittlichkeit, für eine neue und freie Ehe.“
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[421] Stöcker, Helene, Zehn Jahre Mutterschutz. – Berlin: Osterheld & Co. o. J. [1915], S. 8. Zum Kontext vgl. auch Nowacki, Bernd, Der Bund für Mutterschutz (1905–1933). – Husum: Matthiesen Verlag 1983, sowie Hamelmann, Gudrun, Helene Stöcker, der „Bund für Mutterschutz“ und „Die Neue Generation“. – Frankfurt a.M.: Haag + Herchen 1992.
Elisabeth Bouness, bekannt unter dem Pseudonym Ruth Bré, verstand sich als „Begründerin und intellektuelle Urheberin“
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des Bundes. Zusammen mit anderen beschloß sie im November 1904, in Leipzig einen „Bund für Mutterschutz“ zu gründen. Siehe hierzu das von Ruth Bré verfaßte Flugblatt „Ruth Bré und der ‚Bund für Mutterschutz‘“ vom März 1905. Ein Exemplar befindet sich im BA Koblenz, Nl. Adele Schreiber, Nr. 17.
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Ähnliche Bestrebungen verfolgte auch die Frauenrechtlerin Helene Stöcker in Berlin, die damit aber in den bestehenden Frauenverbänden keine Resonanz fand. Offensichtlich kam es schon im November 1904 zu Kontakten zwischen Leipzig und Berlin. Ein „vorbereitendes Komitee“ zur Vereinsgründung wurde ins Leben gerufen. Diesem gehörten neben Ruth Bré und Helene Stöcker auch der Arzt Max Marcuse, die Frauenrechtlerin Maria Lischnewska sowie der Nationalökonom Walter Borgius, ein Schüler Max Webers, an. Diese kamen aus Berlin, so daß die Berliner Gruppe ein deutliches Übergewicht besaß. Nach der Darstellung Helene Stöckers verfaßte Walter Borgius den ersten der im folgenden abgedruckten Texte („Aufruf“), der für die Unterstützung des „Bundes für Mutterschutz“ warb. Vgl. hierzu die handschriftliche Vereinbarung mit beigeschlossenem Entwurf eines Aufrufs, BA Koblenz, Nl. Adele Schreiber, Nr. 15.
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Borgius dürfte sich weitgehend auf eine Vorlage gestützt ha[422]ben, die von der Leipziger Gruppe formuliert worden war. Stöcker, Zehn Jahre, S. 6.
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Bis zur konstituierenden Sitzung am 5. Januar 1905 in Berlin lagen die „Unterschriften einer Reihe führender Persönlichkeiten aus allen Teilen des deutschen Reiches“ vor.[422] Ein gedrucktes Exemplar dieser Fassung findet sich im BA Koblenz, Nl. Adele Schreiber, Nr. 15.
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Auf dem uns überlieferten Flugblatt des „Aufrufs“ findet sich unter den 53 Unterzeichnern neben Franz v. Liszt, Friedrich Naumann und Werner Sombart auch Max Weber. Dies geht aus den „Mitteilungen des Bundes für Mutterschutz“ in: „Mutterschutz“. Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik, 1. Jg., 1905, S. 45, hervor.
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BA Karlsruhe, Nl. Adele Schreiber, Nr. 29.
Im vorbereitenden Komitee gab es von Beginn an Spannungen. Während Ruth Bré sich auf „gesunde, arbeitswillige ledige Mütter und ihre Kinder“ konzentrieren und für diese eine „dauernde Heimat […] auf dem Lande“ schaffen wollte,
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suchte Helene Stöcker allgemeiner eine Reform der „sexuellen Ethik“ durchzusetzen. Darüber hinaus erwies es sich als besonders konfliktträchtig, daß Ruth Bré ihre Hilfsmaßnahmen zur „Verbesserung der Rasse und des Nationalwohlstandes durch Aufzucht des Gesunden“ nutzen wollte. Unterstützt wurde sie dabei von Alfred Ploetz, der den Aufruf mitunterzeichnet hatte und ihn in seinem „Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie“ im Januar/Februar 1905 veröffentlichte. In einem unmittelbar folgenden Zusatz formulierte Ploetz die Erwartung, daß der Bund den „sozialhygienischen mit dem rassehygienischen Nutzen verbinden“ und sich keineswegs den „besonderen Schutz der Minderwertigen“, die er unter den nichtehelichen Kindern in hoher Zahl vermutete, zur Aufgabe machen werde. „Ruth Bré und der ,Bund für Mutterschutz‘“, BA Koblenz, Nl. Adele Schreiber, Nr. 17.
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Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie einschließlich Rassen- und Gesellschafts-Hygiene, 2. Jg., 1905, S. 166.
Zu der konstituierenden Ausschußsitzung am 5. Januar 1905 waren augenscheinlich alle Unterzeichner eingeladen, doch nahmen nur 12 Personen teil. Max Weber war nicht unter ihnen. Mit „Zustimmung der Anwesenden“ wurde „die Konstituierung der Unterzeichner des Aufrufes als ,Ausschuß‘ des Bundes für Mutterschutz“ beschlossen.
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Protokoll der 1. konstituierenden Ausschußsitzung am 5. Januar 1905, BA Koblenz, Nl. Adele Schreiber, Nr. 25.
Auf diese Weise wurde Weber Mitglied des Ausschusses. Es ist nicht bekannt, ob er dazu seine Zustimmung gab. Die schon im Vorfeld bestehenden Spannungen traten auf der ersten öffentlichen Versammlung des Bundes am 26. Februar massiv hervor, in ihrem Einleitungsreferat präzisierte Ruth Bré die Ziele des Aufrufs, wohingegen Helene Stöcker unterstrich, daß die neue Vereinigung sich vor allem als „Bund zur Reform der sexuellen [423]Ethik“ verstehe.
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Der Ausschuß, der im Anschluß an diese Versammlung tagte, wandte sich gegen einige der von Ruth Bré vertretenen Forderungen, so etwa gegen eine einseitige Betonung der Ansiedlung von Müttern auf dem Land und die Gründung ländlicher Mütterkolonien.[423] „Mutterschutz“, 1. Jg., 1905, S. 46.
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Nach eingehender Diskussion verwarf er auch die formale Beschränkung der Fürsorge auf gesunde Mütter, „da der Begriff ‚gesund‘ den willkürlichsten Auslegungen ausgesetzt sei.“ Protokoll der Auschußsitzung des Bundes für Mutterschutz am 26. Februar 1905, BA Koblenz, Nl. Adele Schreiber, Nr. 25.
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Man wählte Ruth Bré zwar noch in den Vorstand, Ebd.
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doch begann sie sich allmählich vom „Bund für Mutterschutz“ zu distanzieren, dessen Ziele sie aufgrund der „Schwankungen der Berliner Zentrale“ für „gefährdet“ hielt. Ebd. Vgl. hierzu auch „Mutterschutz“, 1. Jg., 1905, S. 47, sowie Nowacki, Bund für Mutterschutz, S. 20.
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Im März 1905 verfaßte sie eine Flugschrift, in der sie unter Hinweis auf den ursprünglichen Aufruf ihre Position verteidigte. „Ruth Bré und der ,Bund für Mutterschutz‘“, BA Koblenz, Nl. Adele Schreiber. Nr. 17.
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Bald darauf schied sie auch förmlich aus dem Bund aus und gründete eine eigene Organisation. Ebd.
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Nowacki, Bund für Mutterschutz, S. 24.
Wie Walter Borgius berichtet, wurden auf den folgenden Ausschußsitzungen „Programm und Satzungen“ des Bundes modifiziert.
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Ob Max Weber daran beteiligt war, wissen wir nicht. Vermutlich ist die schließlich verabschiedete Fassung identisch mit jener, die unter der Überschrift „Aufruf“ im September-Heft des neugegründeten Publikationsorgans des Bundes „,Mutterschutz‘. Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik“ erschien. Dieser Veröffentlichung ist eine Liste der Vorstands- und Ausschußmitglieder beigegeben. Da unter den Ausschußmitgliedern auch Max Weber aufgeführt ist, Borgius, Walter, Mutterschutz und Rassenhygiene, in: „Mutterschutz“, 1. Jg., 1905, S. 210.
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wird diese Fassung des Aufrufs ebenfalls abgedruckt. „Mutterschutz“, 1. Jg., 1905, S. 254–260.
Wir wissen, daß Max Weber mit den von Helene Stöcker und Walter Borgius vorgegebenen Zielen nicht einverstanden war. Er scheint deshalb den „Bund für Mutterschutz“ auch bald wieder verlassen zu haben. So wird er beispielsweise in einer Eingabe des „Bundes für Mutterschutz“ an die Kultusminister der deutschen Bundesstaaten vom April 1906 nicht mehr als Mitglied des Ausschusses aufgeführt.
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Wie negativ er in der Folge über den Bund dachte, wird in einem Brief von Anfang Januar 1907 an Robert [424]Michels deutlich, der gerade einen Aufsatz in der Zeitschrift „Mutterschutz“ veröffentlicht hatte. Eingabe des Bundes für Mutterschutz „Betrifft: Einfügung der geschlechtlichen Belehrung in den Schulunterricht“ vom April 1906, BA Koblenz, Nl. Adele Schreiber, Nr. 29.
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Hier heißt es: „Die spezifische Mutterschutz-Bande ist ein ganz confuses Gesindel, – ich trat nach dem Geschwätz der Stöcker, Borgius etc. wieder aus. Grober Hedonismus u. e[ine] Ethik, die nur dem Mann zu Gute käme, als Ziel der Frau, – das ist einfach Quark. Was thun Sie bei diesen wild gewordenen Spießern?“[424] Michels, Robert, Erotische Streifzüge: Deutsche und italienische Liebesformen. – Aus dem Pariser Liebesleben, in: „Mutterschutz“, 2. Jg., 1906, S. 362–374.
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Brief Max Webers an Robert Michels vom 11. Jan. 1907, MWG II/5, S. 210 f.
Zur Überlieferung und Edition
Es gibt zwei erheblich voneinander abweichende Fassungen des „Aufrufs“ des „Bundes für Mutterschutz“. Die erste Fassung von Dezember 1904/Januar 1905 ist uns in Form eines Flugblatts überliefert, das sich im BA Koblenz, Nl. Adele Schreiber, Nr. 29, befindet. Der Nachdruck dieser ersten Fassung im „Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie einschließlich Rassen- und Gesellschafts-Hygiene“, 2. Jg., Heft 1, Januar–Februar 1905, S. 164–166, unter der Überschrift „Bund für Mutterschutz. Ein Berliner Komitee erläßt folgenden Aufruf:“, wird hier vernachlässigt.
Die zweite, deutlich veränderte Fassung des „Aufrufs“, die zuweilen auch als „Programm“ des „Bundes für Mutterschutz“ bezeichnet wird, erschien – gefolgt von einer 60 Namen umfassenden Liste der Vorstands- und Ausschußmitglieder – im September 1905 in: „Mutterschutz“. Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik, 1. Jg., Heft 6, 1905, S. 254–260. Während hier unter der Gesamtüberschrift „Aufruf“ auch organisatorische Fragen behandelt sind, waren diesbezügliche Passagen im ersten Aufruf deutlich abgesetzt und im Anschluß an die Unterzeichnerliste abgedruckt. Diese Passagen werden im textkritischen Apparat an der entsprechenden Stelle mitgeteilt. Die Fußnote 1) ist mit * angebunden. Beide Texte sind mit A sigliert.