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MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[65]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Der Mediziner Alfred Grotjahn,
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[62] Zu Grotjahns Lebensweg vgl. u. a. Grotjahn, Alfred, Erlebtes und Erstrebtes. Erinnerungen eines sozialistischen Arztes. – Berlin: F. A. Herbig 1932, sowie Tutzke, Dietrich, Alfred Grotjahn (Biographien hervorragender Naturwissenschaftler, Techniker und Mediziner, Band 36). – Leipzig: B. G. Teubner 1979.
der sich im Herbst 1896 in Berlin als praktischer Arzt niedergelassen hatte, befaßte sich vor allem mit sozialhygienischen Fragen. Aufgrund dieses Engagements wurde er zum führenden gesundheitspolitischen Experten der deutschen Sozialdemokratie. Bereits im Jahre 1898 hatte er eine vielbeachtete Monographie über den Alkoholismus veröffentlicht.
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Grotjahn, Alfred, Der Alkoholismus. Nach Wesen, Wirkung und Verbreitung. – Leipzig: Georg H. Wigand 1898.
Grotjahns Interesse, „medizinische und hygienische Fragen in sozialwissenschaftlicher Beleuchtung darzustellen“, führte ihn im Wintersemester 1901/02 in Gustav Schmollers staatswissenschaftliches Seminar. Grotjahn berichtet in seinen Lebenserinnerungen, daß er, der sich zuvor vornehmlich in sozialistischen Kreisen bewegt hatte, sich in der Verfolgung seiner Ziele zwar „nicht durch den Verkehr in einer rein nationalökonomischen Umwelt“ habe beirren lassen, daß jedoch die „Methoden, mit denen hier an die Erörterung und Darstellung volkswirtschaftlicher Fragen herangetreten wurde, […] in wohltuender Weise die Einseitigkeit des bereits als für meine Zwecke unzureichend erkannten Marxismus“ korrigiert hätten.
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Grotjahn, Erlebtes, S. 108.
Grotjahn bat Schmoller darum, „eine Frage aus dem Gebiete der Volks- und Massenernährung bearbeiten zu dürfen, und zwar unter besonderer Berücksichtigung der Arbeiterhaushaltliteratur“, die er für seine Studie über den Alkoholismus bereits durchgesehen hatte. Schmoller willigte ein und regte darüber hinaus an, „außer der deutschsprachlichen Literatur über Arbeiterhaushaltrechnungen auch die sorgfältigen und in den verschiedensten Ländern aufgenommenen Familienmonographien des [63]französischen Bergbaukundigen und klerikalen Sozialpolitikers Le Play heranzuziehen.“
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[63] Ebd., S. 110. Gemeint ist die Studie Frédéric Le Plays „Les ouvriers européens“, die 1855 in Paris erschienen war.
Grotjahn folgte diesem Rat und berechnete auf der Basis zahlreicher in- und ausländischer Haushaltungsbudgets den Nahrungsmittelverbrauch verschiedener sozialer Gruppen. Die Berechnung der 490 Fallbeispiele erfolgte dabei nach der Methode, die der deutsche Statistiker Ernst Engel gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt hatte und mit deren Hilfe sich aus dem Gesamtverbrauch einer Familie ein annähernd zuverlässiger Wert für den jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch eines männlichen Erwachsenen ermitteln ließ.
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Zum sog. „Engel’schen Verfahren“ und seiner Anwendung durch Grotjahn siehe unten, S. 66, Anm. 7.
Nachdem die Arbeit abgeschlossen und im Seminar vorgetragen war, nahm Gustav Schmoller sie in die von ihm herausgegebenen „Staats- und socialwissenschaftlichen Forschungen“ auf, wo sie unter dem Titel „Über Wandlungen in der Volksernährung“ im Jahre 1902 erschien.
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Grotjahn, Alfred, Über Wandlungen in der Volksernährung (Staats- und socialwissenschaftliche Forschungen, hg. von Gustav Schmoller, Band 20, Heft 2). – Leipzig: Duncker & Humblot 1902.
Max Weber hatte sich schon zu Beginn seiner nationalökonomischen Laufbahn mit dem Thema der „Volksernährung“ beschäftigt und bei seiner 1892 im Auftrag des Vereins für Sozialpolitik angestellten Untersuchung „Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland“ auch den Nahrungsmittelkonsum und seine Veränderungen berücksichtigt.
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Weber, Max, Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland, MWG I/3, S. 895 ff.
Einen erneuten Einblick in diesen Fragenkomplex brachte ihm Walter Abelsdorffs Arbeit „Beiträge zur Sozialstatistik der Deutschen Buchdrucker“, die in seinem volkswirtschaftlichen Seminar in Heidelberg entstanden war. Dazu hatte Abelsdorff auch Arbeiterhaushaltungsbudgets ausgewertet, nicht zuletzt in Hinblick auf den Nahrungsmittelkonsum.
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Abelsdorff, Walter, Beiträge zur Sozialstatistik der Deutschen Buchdrucker (Volkswirtschaftliche Abhandlungen der Badischen Hochschulen, Band 4, Heft 4). – Tübingen/Leipzig: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1900, S. 51 ff., nebst Tabellen.
Max Weber schrieb für diese Arbeit eine „Vorbemerkung“ und machte darin das spezifisch volkswirtschaftliche Interesse an diesen Fragen deutlich.
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Siehe die „Vorbemerkung des Herausgebers“, in diesem Band abgedruckt, oben, S. 30–33, hier S. 33.
Wie aus einem Brief Max Webers an Gustav Schmoller vom 20. Februar 1903 hervorgeht, war es Schmoller selbst, der bei Weber angefragt hatte, ob dieser die Arbeit Grotjahns in dem von Schmoller gleichfalls heraus[64]gegebenen „Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich“ besprechen wolle. Max Weber sagte dies zu: „Ich schicke gleichzeitig hiermit die gewünschte Besprechung der Grotjahn’schen Schrift, die allerdings vielleicht etwas eingehender ausgefallen ist, als für die Raumökonomie der Zeitschrift zweckmäßig ist.“
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[64] Brief Max Webers an Gustav Schmoller vom 20. Febr. 1903, GStA Berlin, Nl. Gustav Schmoller, Rep. 195, Anhang Nr. 98, Vol. l (MWG II/4).

Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, wie er im Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich, hg. von Gustav Schmoller, 27. Jg., Heft 2, 1903, S. 380–384, in der Rubrik „Literatur“ erschien (A). Der Artikel ist mit „Heidelberg. Max Weber“ gezeichnet. Webers Fußnoten, die auf jeder Seite neu gezählt sind, werden hier durchlaufend numeriert.