[221]Editorischer Bericht
I. Zur Entstehung
Die Anfang des Jahres 1909 auf Initiative Georg Simmels und des Wiener Sozialwissenschaftlers Rudolf Goldscheid gegründete Deutsche Gesellschaft für Soziologie führte im Oktober 1910 ihren ersten Soziologentag durch. Max Weber engagierte sich besonders in der Gründungsphase der Gesellschaft, suchte Mitglieder zu gewinnen, übernahm organisatorische Aufgaben und war im übrigen bemüht, die inhaltliche Ausrichtung der Gesellschaft mitzubestimmen. Er war in den Ausschuß der Gesellschaft berufen worden und hatte die Aufgabe des „Rechners“ übernommen.
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[221] Vgl. Brief Max Webers an Heinrich Herkner vom 17. Februar 1909, MWG II/6, S. 57–59, Anm. 1 und 2, „Rechner“ meint Schatzmeister.
Weber sah in der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie die Möglichkeit, eine „Arbeitsgemeinschaft“ zu schaffen, die insbesondere, durch Sektionenbildung unterstützt, empirische Forschungsvorhaben fördern solle.
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Weber gedachte, solange in der Gesellschaft mitzuwirken, bis gewährleistet sei, daß aus ihr keine „Vortrags- und Schwatz-Gesellschaft“ Vgl. zum Zitat: Weber, Geschäftsbericht der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Rede auf dem Ersten Deutschen Soziologentag in Frankfurt am Main am 20. Oktober 1910, MWG I/13, S. 256–286, hier S. 260, und zu den Hintergründen: Lepsius, Μ. Rainer, Max Weber und die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, in: Soziologie, Jg. 40, Heft 1, 2011, S. 7–19 (hinfort: Lepsius, Gesellschaft für Soziologie), dass. auch in: Transnationale Vergesellschaftungen, Verhandlungen des 35. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt am Main 2010, hg. von Hans-Georg Soeffner. – Wiesbaden: Springer 2013, S. 775–785. Lepsius geht auch auf den Verein für Sozialpolitik ein, stellt beide Vereinigungen im Hinblick auf ihre jeweiligen institutionellen Zwecke dar und welche persönlichen Arbeitsvorhaben Weber mit ihnen verbindet.
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werde, und er vergewisserte sich des Einverständnisses mit den Initiatoren, daß man „1) keinerlei ,Aktualitäts‘-Themata u. Fragen praktisch-politischer oder -ethischer Art […] erörtern [und] 2) durch ev. künstliche Mittel und Schranken der [222]Diskussion dafür sorgen [wolle], daß nicht ‚gequatscht‘ wird und nur Berufene reden und diskutieren“. Brief Max Webers an Gustav von Schmoller vom 13. April 1909, MWG II/6, S. 97–99, hier S. 99.
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So war Weber maßgeblich daran beteiligt, daß in den Statuten der Deutschen Gesellschaft für Soziologie als Vereinszweck die Förderung soziologischer Erkenntnis und die strikte Beachtung des Prinzips der Wertfreiheit festgehalten wurden.[222] Brief Max Webers an Heinrich Herkner vom 8. Mai 1909, MWG II/6, S. 113–117, hier S. 113 f.
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Vgl. § 1 des Statuts der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, abgedruckt in: Verhandlungen DGS 1910, S. V: „[…] Sie [die DGS] gibt allen wissenschaftlichen Richtungen und Methoden der Soziologie gleichmäßig Raum und lehnt die Vertretung irgendwelcher praktischen (ethischen, religiösen, politischen, ästhetischen usw.) Ziele ab.“ (dass. auch wiederabgedruckt in MWG I/13, S. 860).
Der Erste Deutsche Soziologentag fand vom 19. bis 22. Oktober 1910 in Frankfurt am Main statt. Vor dem eigentlichen Konferenzbeginn, am Abend des 19. Oktober, hielt Georg Simmel einen Vortrag über die Soziologie der Geselligkeit, den ersten Verhandlungstag eröffnete Ferdinand Tönnies mit seinem Vortrag „Wege und Ziele der Soziologie“. Max Weber erstattete anschließend den Geschäftsbericht der Gesellschaft, betonte ihren Zweck, nämlich soziologische Forschung als rein objektive, von aller Bewertung freie Analyse im Zusammenschluß von dezentral arbeitenden Arbeitsgruppen zu betreiben,
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und stellte mögliche arbeitsteilig durchzuführende empirische Forschungsvorhaben, so eine Soziologie des Zeitungswesens und des Vereinswesens vor. Vgl. Weber, Geschäftsbericht, MWG I/13, hier S. 260, erst später, bei der Drucklegung der Verhandlungen, wollte er seine Rede als „Geschäftsbericht“ bezeichnet wissen, vgl. Brief Max Webers an Oskar Siebeck, vor oder am 31. März 1911, MWG II/7, S. 160. Sein Vortrag war unterschiedlich bezeichnet worden als „Zur Einführung“, vgl. ebd., auch als „Jahresbericht“, vgl. o. V., Erster Deutscher Soziologentag, in: Frankfurter Zeitung, Nr. 290 vom 20. Oktober 1910, Ab. Bl., S. 2, oder als ein Vortrag über die konkreten Aufgaben der Gesellschaft wahrgenommen worden, vgl. Berliner Tageblatt, Nr. 535 vom 21. Oktober 1910, 5. Beiblatt, S. 1 f.
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Am Nachmittag des ersten Verhandlungstages, am 20. Oktober, hielt Werner Sombart den Vortrag „Technik und Kultur“, am zweiten Verhandlungstag sprach Alfred Ploetz über „Die Begriffe Rasse und Gesellschaft und einige damit zusammenhängende Probleme“, es folgte ein Vortrag von Ernst Troeltsch über „Das stoisch-christliche Naturrecht und das moderne profane Naturrecht“. Am dritten Verhandlungstag, dem 22. Oktober, folgten die Vorträge von Eberhard Gothein über „Soziologie der Panik“, von Andreas Voigt über „Wirtschaft und Recht“ und von Hermann Kantorowicz über „Rechtswissenschaft und Soziologie“. Vgl. Weber, Geschäftsbericht, MWG I/13, hier S. 262–286, sowie Lepsius, Gesellschaft für Soziologie (wie oben, S. 221, Anm. 2).
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Max Weber beteiligte sich an allen Diskussionen, Vgl. insbes. die Inhaltsübersicht in: Verhandlungen DGS 1910, S. XI f.
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immer bemüht, das spezifisch Soziologische und damit die [223]Notwendigkeit einer wertfreien Behandlung der jeweiligen Gegenstände hervorzuheben. Zu Webers Diskussionsbeiträgen zu Sombart, Ploetz, Voigt und Kantorowicz vgl. unten, S. 226–236, 243–260, 264–272, zu Troeltsch vgl. MWG I/9, S. 741–764. Für den [223]Begrüßungsvortrag von Simmel und die Einführungsrede von Tönnies war keine Diskussion vorgesehen worden, auf den Vortrag von Gothein folgte aus Zeitgründen keine Diskussion, vgl. Verhandlungen DGS 1910, S. 248.
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Vgl. auch Lepsius, Gesellschaft für Soziologie (wie oben, S. 221, Anm. 2), S. 15.
Weber hatte sich im Vorfeld an der Planung und Organisation des Soziologentages beteiligt. So gab er im März 1910 in einem Brief an Hermann Beck, den Geschäftsführer der Gesellschaft, eine Übersicht zu den bislang als Redner feststehenden Referenten mit ihrem jeweiligen Thema,
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die spätere Rednerliste weicht nur geringfügig davon ab. Vgl. Brief Max Webers an Hermann Beck vom 8. März 1910, MWG II/6, S. 422 f., auf dieser Liste stehen: Georg Simmel, Ferdinand Tönnies, Alfred Ploetz, Werner Sombart, Franz Eulenburg, Eberhard Gothein und Ernst Troeltsch.
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Zu diesem Zeitpunkt stand fest, daß Sombart wie die beiden anderen Vorsitzenden Simmel und Tönnies auf dem Ersten Soziologentag einen Vortrag halten würde, und zwar zum Thema „Technik und Kultur“. Vgl. bes. die Inhaltsübersicht in: Verhandlungen DGS 1910, S. XI f.
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Ein paar Monate später, in der Phase konkreter zeitlicher Planung und Plazierung der Vorträge, regte Weber in einem Brief an Beck an, daß Sombart gefragt werden solle, ob er bestimmte Diskussionsredner zu seinem Thema eingeladen wissen wolle, denn es „wäre gut, da etwas vorzusorgen“. Vgl. dazu Brief Max Webers an Hermann Beck vom 8. März 1910, MWG II/6, S. 422 mit Anm. 6.
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Ob dies geschehen ist, läßt sich nicht belegen, auf jeden Fall beteiligte sich Weber selbst an der ausführlichen Diskussion zu Sombarts Vortrag, zu der auch mehrere andere Diskutanten beitrugen, mit einem vergleichsweise langen Redebeitrag. Brief Max Webers an Hermann Beck, zwischen 13. und 21. August 1910, MWG II/6, S. 600.
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Wie die Frankfurter Zeitung, die über den Soziologentag berichtete, anmerkte, dauerte diese Nachmittagssitzung vier Stunden. Offenbar hatte Simmel nach dem sechsten Diskussionsredner den Schluß der Diskussion beantragt, dies wurde abgelehnt, stattdessen aber die Redezeit auf 10 Minuten begrenzt, vgl. o. V., Erster Deutscher Soziologentag, in: Frankfurter Zeitung, Nr. 291 vom 21. Oktober 1910, 3. Mo.Bl., S. 1 f., hier S. 2. Dieser Antrag von Simmel ist im Verhandlungsband nicht verzeichnet.
Nach ausführlicher Definition der beiden Titelbegriffe seines Vortrages behandelte Sombart das Wechselverhältnis von Kultur und Technik anhand vieler einzelner Beispiele wie dem, daß moderne Großhandelsformen als Teil der „institutioneilen Kultur“ von der Entwicklung der modernen Verkehrstechnik abhängig seien.
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Im weiteren Verlauf beschrieb Sombart, daß auch die moderne Wissenschaft, bildende Kunst, Dichtkunst und Musik vom jeweiligen [224]Stand der verfügbaren technischen Mittel und Verfahren beeinflußt worden seien. Die Technik sei derart von überragender Bedeutung für die Kultur überhaupt. Damit habe sich auch die materialistische Geschichtsforschung, im Ausgang von einigen einschlägigen Bemerkungen von Karl Marx befaßt. Soweit das auf eine technologische Geschichtsbetrachtung hinauslaufe, lehne er dies aber ab. Vgl. Sombart, Technik und Kultur, in: Verhandlungen DGS 1910, S. 63–83, hier S. 68 f.
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[224] Vgl. ebd., S. 76–80.
Max Weber zeigte sich mit diesem Beginn des Soziologentages durchaus unzufrieden. Sombarts Vortrag sei von der Art eines Feuilletons und die Debatte durchweg auf niedrigem Niveau gewesen, und von diesem Urteil wollte er sich selbst nicht ausnehmen.
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Vgl. Brief Max Webers an Franz Eulenburg vom 27. Oktober 1910, MWG II/6, S. 655 f., hier S. 655. Sombart war ähnlicher Meinung, die Diskussion habe gezeigt, daß er nicht verstanden worden sei, vgl. Sombart, Technik und Kultur, in: Verhandlungen DGS 1910, S. 63, Anm. 1. Daher veröffentlichte er, um Mißverständnisse ausräumen zu können, zusätzlich den Aufsatz: Sombart, Werner, Technik und Kultur, in: AfSSp, Band 23, Heft 1, 1911, S. 305–347.
II. Zur Überlieferung und Edition
Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Redebeitrag Max Webers folgt dem Abdruck in: Verhandlungen des Ersten Deutschen Soziologentages vom 19.–22. Oktober 1910 in Frankfurt a. Μ. – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1911, S. 95–101 (A). Der Beitrag ist im Abdruck eingeführt mit: „Professor Max Weber-Heidelberg“. Der Abdruck beruht auf einer stenographischen Mitschrift, die nicht überliefert ist.
Weber war die Veröffentlichung des Tagungsbandes übertragen worden, er erledigte die Suche nach einem Verlag,
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übernahm die näheren vertraglichen Absprachen Vgl. z. B. die Karte Max Webers an Oskar Siebeck vom 15. Januar 1911, sowie zwei Briefe von ihm an den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, beide vom 3. Februar 1911, in: MWG II/7, S. 44 f. und 78–81.
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und besorgte die redaktionelle Betreuung der Publikation der Verhandlungen des Ersten Soziologentages. Vgl. z. B. die Briefe und Karten Max Webers an Oskar Siebeck vom 11., 14., 16. und 18. Oktober 1910, in: MWG II/6, S. 642 f., 647, 648 und 650.
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Vom Vorstand der DGS war Weber sogar autorisiert worden, daß von ihm die „stenographische Wiedergabe der Diskussion […] in angemessener Weise zusammengestrichen werden“ dürfe. Vgl. z. B. Brief Max Webers an Oskar Siebeck, vor dem 11. Januar 1911 und vom 22. Februar 1911, MWG II/7, S. 28–30 und 114.
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Weber hatte in diesem Zusammenhang veranlaßt, daß der [225]Verlag die Korrekturen an die Debattenredner verschickte, für seine eigenen Diskussionsreden hatte er sich noch zusätzlich das Stenogramm erbeten. So beschlossen in der Vorstandssitzung am 5. Januar 1911, vgl. die Erläuterung zum Brief Max Webers an den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vom 3. Februar 1911, in: MWG II/7, S. 78, Anm. 3.
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Der Abdruck seines Redebeitrages ist folglich von Weber autorisiert. [225] Vgl. Brief Max Webers an Oskar Siebeck vom 7. März 1911, MWG II/7, S. 128 f. Eigentlich sollten die Manuskripte – damit sind offenbar die Stenogramme gemeint – gerade nicht mit den Korrekturen verschickt werden, um möglichst schnellen Rücklauf zu erhalten. Bei seinen Diskussionsreden machte Weber eine Ausnahme, ebenso bei einer Diskussionsrede von Simmel und den Schlußworten der Referenten, vgl. ebd., S. 129.