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MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[183]Editorischer Bericht

I. Zur Entstehung

Max Weber schrieb die Rezension zu Adolf Webers Buch „Die Aufgaben der Volkswirtschaftslehre“ im Sommer 1909. Sie wurde im Septemberheft 1909 des „Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ abgedruckt.
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[183] Weber, Adolf, Die Aufgaben der Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft. – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1909 (hinfort: Weber, Adolf, Aufgaben).
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich eine Gruppe von Kritikern des Vereins für Sozialpolitik herausgebildet.
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Ihr gehörten die Nationalökonomen Julius Wolf, Andreas Voigt, Ludwig Pohle und Ludwig Bernhard an. Vgl. Lindenlaub, Richtungskämpfe, S. 12 f., ebenso Krüger, Dieter, Max Weber und die „Jüngeren“ im Verein für Sozialpolitik, in: Max Weber und seine Zeitgenossen, hg. von Mommsen, Wolfgang J. und Wolfgang Schwentker. – Göttingen, Zürich: Vandenhoeck & Ruprecht 1988, S. 98–118 (hinfort: Krüger, „Jüngere“), hier S. 116 f.
Sie wandten sich gegen die von den Vereinsmitgliedern mehrheitlich vertretene Politik einer arbeitnehmerfreundlichen Sozialreform, die zu Lasten der volkswirtschaftlichen Produktivität, der Großbetriebe und des Unternehmertums gehe, und argumentierten, daß politische Forderungen nicht wissenschaftlich zu begründen seien. Über die Fachöffentlichkeit hinaus wurde ihre Position vornehmlich durch Publikationen von Richard Ehrenberg bekannt, der gegen die Vertreter der historischen Nationalökonomie polemisierte: Diese könnten nicht exakt denken und mit ihrer einseitigen wirtschaftshistorischen Forschung nicht die volle wirtschaftliche Wirklichkeit erfassen.
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Vgl. Ehrenberg, Richard, Die Ziele des Thünen-Archives, in: Thünen-Archiv, Organ für exakte Wirtschaftsforschung, hg. von Richard Ehrenberg, Band 1, Heft 1, 1905, S. 1–33 (hinfort: Ehrenberg, Ziele), vgl. auch Schluchter, Einleitung, in: Weber, Zur Psychophysik der industriellen Arbeit, MWG I/11, S. 1–58, hier S. 13–17.
Ihr sozialreformerisches Selbstverständnis beruhe auf unbegründeten Voraussetzungen. Ehrenberg setzte dem seine exakt-vergleichende Methode entgegen, bei der die Wirtschaftsführung von Industrie und Großbetrieben einbezogen werde und mit der es gemäß dem „logischen Prinzip“
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Ehrenberg, Ziele (wie oben, Anm. 3), S. 9.
der Naturwissenschaften auch zu gültigen Verallgemeinerungen komme. Dieser Art der Argumentation schloß sich auch der Kölner Nationalökonom Adolf Weber an.
[184]Adolf Weber nimmt eingangs seines Buches unmittelbaren Bezug auf die geschilderte Debatte.
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[184] Weber, Adolf, Aufgaben, S. 1–4.
Um seine Sicht der „Kathedersozialisten“ zu charakterisieren, beruft er sich auf einen Artikel von Ehrenberg, der im Frühjahr 1909 erschienen war. Darin schildert dieser die Vertreter der ethischen Richtung der Nationalökonomie als unverantwortliche Staatsmänner und politische Agitatoren, die „Ruhe und Objektivität, Freiheit und Ehrlichkeit der Forschung […] untergraben“ würden.
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Ehrenberg, Richard, Quis tulerit Gracchos de seditione querentes?, in: Der Tag vom 21. März 1909, S. 1 f., hier S. 1, Sp. 2; bei Weber, Adolf, Aufgaben, S. 2 f.
Adolf Weber teilt diese Ansicht und vervollständigt das gezeichnete Bild einer sich selbst überschätzenden Wissenschaft mit einem Verweis auf Max Weber. Zwar stehe dieser Ehrenberg fern, doch auch er tadle die ethische Nationalökonomie wegen ihrer Mißachtung des Gebots der Werturteilsfreiheit in der empirischen Wissenschaft.
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Weber, Adolf, Aufgaben, S. 3, verweist auf Weber, Max, Die Lehrfreiheit der Universitäten. Zuschrift an die Hochschul-Nachrichten, Januar 1909, MWG I/13, S. 125–138.
Ein konkreter Anlaß für die Rezension von Adolf Webers Buch „Die Aufgaben der Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft“ ist nicht bekannt. Im Hinblick darauf, daß sein Name mit einer Polemik gegen den Verein für Sozialpolitik und die ethisch-historische Richtung der Nationalökonomie in Verbindung gebracht wurde, gab es für Max Weber offensichtlich Gründe, sich mit einer Schrift aus dem Kreis dieser Kritiker zu befassen. Das Postulat der Werturteilsfreiheit wurde hier für politische Zwecke mißbraucht. Aus der berechtigten Forderung der Trennung von Sein und Sollen wurde das unberechtigte Postulat einer nationalökonomischen Forschung aus der Perspektive volkswirtschaftlicher Produktivität und der führenden Rolle der Industrie sowie eine Kritik an der sozialreformerischen Politik des Vereins abgeleitet. Um dieser unter seinem Namen firmierenden antikathedersozialistischen Kritik entgegenzuwirken, mußte Weber seine Forderung nach Werturteilsfreiheit unmißverständlich formulieren. Dazu diente unter anderem diese Rezension. Für den Verein für Sozialpolitik bot sich bereits auf der kommenden Generalversammlung Ende September 1909 die nächste Gelegenheit, das Thema „Die Produktivität in der Volkswirtschaft“ stand auf der Tagesordnung. Weber beteiligte sich an der Diskussion mit einem längeren Redebeitrag zur Frage der Werturteilsfreiheit.
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Vgl. den Editorischen Bericht zu Weber, Über die Produktivität der Volkswirtschaft, unten, S. 201–205.
Für die Fachöffentlichkeit blieb die Möglichkeit einer publizistischen Erwiderung auf die Angriffe gegen die ethische Nationalökonomie.
[185]Max Weber nahm also die Herausforderung an, die von Adolf Webers Buch ausging, das im Frühsommer 1909 erschienen sein dürfte.
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[185] Da Adolf Weber sich in seiner Broschüre noch auf den am 21. März 1909 erschienenen Aufsatz von Ehrenberg (vgl. oben, S. 184, Anm. 6) bezieht, dürfte die Publikation frühestens Ende März erfolgt sein.
Er schickte seine Rezension des von ihm als „frischgeschriebene Broschüre“
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Vgl. unten, S. 186.
bezeichneten Buches Anfang September 1909 an Paul Siebeck und erbat für sich einige Exemplare der Superrevision „zum Versenden“.
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Vgl. den Brief Max Webers an Paul Siebeck vom 3. September 1909, MWG II/6, S. 248–250, hier S. 250.
Eine Korrekturfahne ging an den Autor des rezensierten Buches.
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Adolf Weber hat diese Korrekturfahne im Juli 1962 Johannes Winckelmann übergeben. Winckelmanns Archivnotiz vermerkt, daß Max Weber damals die Korrekturfahne direkt an Adolf Weber geschickt hatte. Schreiben von Adolf Weber an Johannes Winckelmann vom 26. Juli 1962, Max Weber-Arbeitsstelle, BAdW München, und Archivnotiz von Johannes Winckelmann, undat., ebd.

II. Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, hg. von Werner Sombart, Max Weber und Edgar Jaffé, Band 29, Heft 2, 1909, S. 615–620, am 30. September in der Rubrik „Literatur-Anzeiger“ erschienen ist (B). Die Rezension ist gezeichnet mit „(Max Weber.)“. Die an Adolf Weber verschickten Korrekturfahnen sind in der Max Weber-Arbeitsstelle, BAdW München, Bl. 1–4, überliefert (A), und von Max Weber handschriftlich korrigiert (A1). Die Seiten sind von dritter Hand paginiert und tragen noch keinen Kolumnentitel. Die Signatur „Max Weber“ fehlt. Die Abweichungen der Korrekturfahne vom Endausdruck B werden im textkritischen Apparat annotiert. Nicht nachgewiesen werden die Einfügungen Max Webers für das fehlende „ß“ in den Fahnen. Dort finden sich, vor allem gegen Textende, Lücken im Satz.
Der sog. Flattersatz entspricht weitgehend dem Endausdruck, enthält aber einige wenige Abweichungen, von denen insbesondere die stärkere Trennung der „Praktiker“ von der Großindustrie im Verein für Sozialpolitik (unten, S. 188 mit textkritischer Anm. i), die gestrichene Polemik gegen die Schlesische Zeitung (unten, S. 190 mit textkritischer Anm. r) sowie die Änderung von „Erkenntniswerten“ zu „Erkenntnisgehalt“ (unten, S. 198 mit textkritischer Anm. i) zu vermerken sind. Zwischen der vorliegenden Korrekturfahne und dem Endausdruck muß folglich mindestens noch eine Korrektur stattgefunden haben.