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MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[134]Editorischer Bericht

I. Zur Entstehung

Von Max Weber erschien im Septemberheft 1908 des „Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ eine Rezension der Schrift „Sexualethik“ von Christian von Ehrenfels, die dieser in der Reihe „Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens“ 1907 veröffentlicht hatte.
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[134] Ehrenfels, Christian von, Sexualethik (Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens, Heft 56). – Wiesbaden: J. F. Bergmann 1907 (hinfort: Ehrenfels, Sexualethik).
Der Prager Philosoph Christian von Ehrenfels verband die von ihm vertretene evolutionistische Gesellschaftstheorie mit einem entschiedenen Sozialdarwinismus. Er nahm an, daß die Weiterentwicklung der menschlichen Spezies und die stetige Verbesserung ihrer Rasseeigenschaften gefährdet sei. Die neuzeitlichen Ideale von Menschlichkeit und die damit verbundenen Moralvorstellungen schützten die Schwachen und deren Nachkommen, die somit bereits unter biologisch ungünstigen Bedingungen aufwüchsen. Der Schutz der Schwachen und die Monogamie setzten die vitale wie auch die virile Auslese außer Kraft.
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Vgl. stellvertretend Ehrenfels, Christian von, Grundbegriffe der Ethik (Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens, Heft 55). – Wiesbaden: J. F. Bergmann 1907 (hinfort: Ehrenfels, Grundbegriffe); zu von Ehrenfelsʼ Biographie und Werk vgl. Oppitz, Reinhold, Freiherr von Ehrenfels (1859–1932) und die Entwicklung des ‚Neuen Menschen‘ zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Inaugural-Diss. aus dem Medizinhistorischen Institut (Leiter Gunter Mann) der Johannes-Gutenberg-Universität. – Mainz: o.V. 1980 (hinfort: Oppitz, Ehrenfels).
Um dem entgegenzuwirken, propagierte er eine neue Sexualmoral: die Monogamie sei abzuschaffen und durch wechselnde Partnerschaften ohne konventionelle Eheversprechen oder Treue zu ersetzen. Diese Gedanken veröffentlichte von Ehrenfels ab Beginn des 20. Jahrhunderts in vielen Aufsätzen, vor allem in der von dem Anthropologen Ludwig Woltmann herausgegebenen „Politisch-Anthropologischen Revue“ sowie in dem von Alfred Ploetz begründeten „Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie“.
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Vgl. z. B. Ehrenfels, Christian von, Die konstitutive Verderblichkeit der Monogamie und die Unentbehrlichkeit einer Sexualreform, in: Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie, 4. Band, Heft 5, 1907, S. 615–651, und Heft 6, 1907, S. 803–830; zu Ploetz vgl. den Editorischen Bericht zu: Weber, Die Begriffe Rasse und Gesellschaft, unten, S. 237–242.
[135]Ein ausdrücklicher Anlaß für die Abfassung der Rezension für den Literatur-Anzeiger des „Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ ist nicht bekannt, sie könnte aber im weiteren Zusammenhang mit Webers Verhältnis zu seinem Bruder Alfred Weber stehen, der seit 1904 in Prag gelebt hatte und zum Wintersemester 1907/08 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Nationalökonomie in Heidelberg gefolgt war. Beide Brüder wohnten nun in derselben Stadt und sahen sich gelegentlich privat und auch bei öffentlichen Anlässen.
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[135] Vgl. Editorischer Bericht zu: Weber, Erhebungen über Auslese und Anpassung, in: MWG I/11, S. 63–77, hier S. 71, sowie Schluchter, Wolfgang, Zwei Wege von der Nationalökonomie zur Kultursoziologie. Max Weber und Alfred Weber, in: Ders., Unversöhnte Moderne. – Frankfurt a.Μ.: Suhrkamp 1996, S. 144–165 (hinfort: Schluchter, Zwei Wege).
Alfred Weber hatte in Prag Seminare zu evolutionistischen Gesellschaftstheorien und Vererbungslehren gehalten
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Vgl. Demm, Eberhard, Max und Alfred Weber im Verein für Sozialpolitik, in: Max Weber und seine Zeitgenossen, hg. von Wolfgang J. Mommsen und Wolfgang Schwentker. – Göttingen, Zürich: Vandenhoeck & Ruprecht 1988, S. 119–136, hier S. 126, vgl. auch Brod, Max, Streitbares Leben 1884–1968. – München, Berlin, Wien: Herbig 1969 (hinfort: Brod, Streitbares Leben), bes. S. 207 f.
und stand in persönlicher Verbindung zu Christian von Ehrenfels.
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Vgl. Schluchter, Einleitung, in: MWG I/11, S. 1–58, hier S. 52 f.
Für Alfred Weber, ohnehin an Fragen der Degeneration interessiert,
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Brod zufolge wurde u. a. in Alfred Webers Seminar über „Volksgemeinschaft und ihre generative Gesundheit“ gesprochen, vgl. Brod, Streitbares Leben (wie oben, Anm. 5), S. 207.
hatte in dieser Zeit die exakte Methode in der Wissenschaft einen hohen Stellenwert,
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Vgl. Weber, Alfred, Über den Standort der Industrien, 1. Teil: Reine Theorie des Standorts. – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1909; sowie Schluchter, Zwei Wege (wie oben, Anm. 4), bes. S. 159 f.
zudem war er wohl von Ehrenfels und dessen antibürgerlicher Sexualethik beeindruckt.
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Vgl. Schluchter, Einleitung, in: MWG I/11, S. 52 f., sowie z. B. den Brief Max Webers an Marianne Weber vom 18. April 1908, MWG II/5, S. 525 f., in dem Weber schreibt, daß sein Bruder Alfred das Bedürfnis habe, „für seinen ‚Naturalismus‘ und für Österreich gegen Deutschland, deutsche Frauen u. deutsche ‚Ethik‘ einzutreten“, ebd.
In grundlegenden wissenschaftlichen und weltanschaulichen Fragen waren die beiden Brüder unterschiedlicher Meinung. Alfred Weber stellte als „Naturalist“
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Vgl. Brief Max Webers an Heinrich Rickert vom 18. und 19. April 1908, MWG II/5, S. 527–531, hier S. 528.
seine „von Österreicher Eindrücken“ maßgeblich geprägten „‚antimoralistischen‘ Präokkupationen“ nicht infrage – jedenfalls nach Ansicht seines Bruders.
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Vgl. Brief Max Webers an Helene Weber vom 14. August 1908, MWG II/5, S. 633 f., hier S. 633.
Für Max Weber konnte ohnehin weder eine exakte naturwissenschaftliche Methode der nationalökonomischen Forschung eine spezifische Dignität verleihen, noch konnte aus einer Theorie, und sei sie auch [36]empirisch gestützt, eine Ethik konkreter Handlungsanweisungen deduziert werden.
Der persönliche Einfluß von Ehrenfels und seiner Sexualethik auf Alfred Weber wurde zwischen den Brüdern nicht eingehend diskutiert. Wie Max Weber seiner Mutter am 14. August 1908 schrieb, falle es ihm und Marianne gar nicht ein, Alfred in seinen antimoralischen Voreingenommenheiten zu behelligen, ihn – Max – störten solche „Desorientiertheiten“ nicht.
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[36] Ebd., S. 634. Diese Gelassenheit Max Webers änderte sich etwa ein Jahr später mit Beginn der intimen Beziehung zwischen Alfred Weber und Else Jaffé, vgl. Lepsius/Mommsen, Einleitung, in: MWG II/5, S. 1–16, hier S. 10, sowie dies., Einleitung, in: MWG II/6, S. 1–10, hier S. 8.
Eingehend besprachen Max und Alfred Weber ihre Mitarbeit an der Enquete des Vereins für Sozialpolitik „Erhebungen über Auslese und Anpassung (Berufswahl und Berufsschicksal) der Arbeiterschaft der geschlossenen Großindustrie“.
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Vgl. Schluchter, Einleitung in: MWG I/11, S. 52 ff., sowie Editorischer Bericht zu: Weber, Erhebungen über Auslese und Anpassung, ebd., S. 63–77.
In den beiden Schriften zur Leistungsfähigkeit von Industriearbeitern, die Max Weber in diesem Kontext verfaßt hatte,
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Vgl. Weber, Zur Psychophysik der industriellen Arbeit, und Weber, Erhebungen über Auslese und Anpassung, MWG I/11, S. 78–149 und 162–380.
behandelte er auch das Problem der Vererbung beruflicher Qualitäten. Er war überzeugt, daß eine ausführliche theoretische und methodische Beschäftigung mit den Resultaten von Experimentalpsychologie, Biologie und Evolutionstheorien die Schwierigkeiten sichtbar machten, die sich bei der Erklärung menschlichen Verhaltens mit Rassentheorien ergeben müßten.
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Vgl. Frommer, Sabine, Naturalismus und Naturalismuskritik. Emil Kraepelins Arbeitspsychologie und ihre Rezeption durch Max Weber, in: Kultur und Kulturwissenschaften um 1900. II Idealismus und Positivismus, hg. von Gangolf Hübinger, Rüdiger vom Bruch, Friedrich Wilhelm Graf. – Stuttgart: Steiner 1997, S. 190–206, hier S. 204.
Indem Max Weber Fragen der Vererbung beruflicher Qualitäten in die Erhebung des Vereins für Sozialpolitik mit einbezog, worüber er sich mit seinem Bruder schon im Vorfeld der Enquete verständigt hatte,
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Vgl. Brief Max Webers an Alfred Weber vom 3. September 1907, MWG II/5, S. 381–385, Weber schreibt hier von „Degenerationsfragen“, ebd., S. 383.
konnte er zeigen, wie schwierig die Frage zu beantworten ist, ob bestimmte beobachtbare psychische und physische Eigenschaften als ererbt, erworben oder sozial vermittelt zu erklären seien. An den Psychiater Hans Gruhle schrieb Weber vertraulich, daß er seine Studie über die naturwissenschaftlichen Forschungen zur Leistungsfähigkeit auch deswegen gemacht habe, „um meinem Bruder, der die Enquete mit leiten wird, […] die großen (wohl unübersteiglichen) Schwierigkeiten, auf diesem Wege dem Vererbungsproblem näher zu kommen, zu demonstrieren“.
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Vgl. Brief Max Webers an Hans Gruhle vom 13. Oktober 1908, MWG II/5, S. 674 f., hier S. 675.
[137]Die Fahnenkorrektur der Besprechung ging am 10. September 1908 an den Verlag J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).
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[137] Edgar Jaffé sandte drei Korrekturen von Max Weber an den Verlag, vgl. dazu die folgende Anmerkung.

II. Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der unter dem Titel: „Chr. v. Ehrenfels: Sexualethik“ im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, hg. von Werner Sombart, Max Weber und Edgar Jaffé, Band 27, Heft 2, 1908, S. 613–617, vom 25. September 1908, in der Rubrik „Literatur-Anzeiger“ erschienen ist (A).
Die Rezension ist mit „(W.)“ gekennzeichnet. Die Signatur „W.“ steht für Max Weber. Dies geht aus einem Brief Edgar Jaffés an den Verleger Paul Siebeck vom 10. September 1908 hervor. Jaffé schreibt, daß er ihm „3 Korrekturen (Max Weber), die im Literatur-Anzeiger von XXVII,2 noch zu berücksichtigen“ seien, schicke.
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Brief von Edgar Jaffé an Paul Siebeck vom 10. September 1908, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nl. 488 (Archiv des Verlages Mohr Siebeck), K. 248. Bei den beiden anderen Korrekturen handelt es sich um Webers Rezensionen von Hermann Schumacher, Die Ursachen der Geldkrisis, und Erich Kaufmann, Auswärtige Gewalt und Kolonialgewalt in den Vereinigten Staaten von Amerika, beide ediert in: MWG I/8, S. 316–320 bzw. S. 321–326.