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MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[201]Editorischer Bericht

I. Zur Entstehung

Auf der Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik, die vom 27. bis 29. September 1909 in Wien stattfand, wurden zwei Themen behandelt: „Die wirtschaftlichen Unternehmungen der Gemeinden“ und die Produktivität der Volkswirtschaft.
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[201] Vgl. Verhandlungen VfSp 1909.
Max Weber, der sich zusammen mit seiner Frau Marianne in Wien aufhielt,
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Marianne Weber schildert diese Wiener Tage als herausragendes Ereignis intensiver, innerhalb und außerhalb des Vereins geführter Diskussionen, vgl. Weber, Marianne, Lebensbild3, S. 419–423.
war während der gesamten Tagung anwesend. Er beteiligte sich an den zu beiden Themen geführten Debatten mit mehreren Diskussionsbeiträgen und mit Zurufen. Sein Bruder Alfred war ebenfalls in Wien, in einem langen, viel beachteten Redebeitrag in der Debatte über die Gemeindebetriebe kam er dabei insbesondere auf die Bürokratie zu sprechen und kritisierte die Auswahl der Staatsbediensteten sowie deren zahlenmäßige Zunahme. Max Weber pflichtete ihm in der Diskussion darüber im Wesentlichen bei.
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Vgl. Weber, Max, Die wirtschaftlichen Unternehmungen der Gemeinden. Diskussionsbeitrag auf der Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik am 28. September 1909, MWG I/8, S. 356–366; Weber, Alfred, in: Verhandlungen VfSp 1909, S. 238–248.
Beide Themen gingen zurück auf die Beratungen des Ausschusses des Vereins für Sozialpolitik am 12. Oktober 1908 in Berlin, an denen Max Weber teilgenommen hatte. Hier wurde über die laufenden Untersuchungen und zukünftigen Arbeiten zu den Gemeindebetrieben beraten und Wien als Ort der nächsten Generalversammlung 1909 gewählt.
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Vgl. Protokoll der Sitzung des Ausschusses des Vereins für Sozialpolitik am Montag, den 12. Oktober 1908 in Berlin, im Gebäude des Herrenhauses, Nl. Ignaz Jastrow, Misc. 114, British Library of Political and Economic Science, London School of Economics and Political Science, London (hinfort: VfSp-Ausschuß 1908).
Als Verhandlungsgegenstand schlug Schmoller Gemeindebetriebe vor. Vor der Besprechung des zweiten Themas einigte man sich darauf, daß die Referenten ihren Vortrag in [202]schriftlicher Form zur nächsten Jahresmitte vorzulegen hätten und auf eine Redezeit von 30 Minuten verpflichtet würden.
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[202] Vgl. ebd., S. 4.
In der weiteren Beratung zur nächsten Generalversammlung wurde abgewogen, ob eher eine „theoretische Frage“ oder eine „praktische Frage“, wie etwa die Ausbildung von Beamten und Technikern in der Verwaltung, auf die Tagesordnung kommen solle. Der Wiener Nationalökonom und Finanzwissenschaftler Eugen von Philippovich schlug das theoretische Thema vor: „In welchem Maße kann man eine Steigerung der Produktivität der Volkswirtschaft feststellen?“
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Ebd.
Max Weber, der befürchtete, daß sich andernfalls die Debatten in „Etikettefragen“ und in einer „Boxerei zwischen Juristen und Technikern“ verlieren könnten, griff von Philippovichs Thema auf und befürwortete es, falls dieser selbst das Referat zu halten bereit sei. Weber merkte noch an, er halte es überhaupt für erwünscht, die „theoretische Seite“ des Vereins zu stärken.
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Vgl. ebd., sowie Webers ersten der beiden Redebeiträge: Die Produktivität der Volkswirtschaft, das Berufsschicksal der Privatbeamten. Diskussionsbeiträge auf der Sitzung des Ausschusses des Vereins für Socialpolitik am 12. Oktober 1908 in Berlin, MWG I/13, S. 739–742.
Man einigte sich schließlich auf das Thema Produktivität, und von Philippovich übernahm das Referat darüber.
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Vgl. VfSp-Ausschuß 1908 (wie oben, S. 201, Anm. 4), S. 5. Der Nationalökonom Robert Liefmann schrieb rückblickend, daß auf dieser Sitzung im Oktober 1908 über die Produktivität des Kohlenbergbaus gesprochen worden sei und eine eher zufällige Bemerkung von Philippovichs eine Diskussion hervorgerufen hätte, worauf Max Weber den Antrag gestellt habe, daß über die Frage der Produktivität auf der nächsten Generalversammlung verhandelt werden solle, vgl. Liefmann, Robert, Grundlagen einer ökonomischen Produktivitätstheorie, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, III. Folge, 43. Band, Heft 3, März 1912, S. 273–327, hier S. 273: Der durch Liefmann vermittelte Eindruck, daß das Thema der Produktivität allein durch Max Weber angestoßen worden sei, läßt sich allerdings nicht anhand des offiziellen Protokolls bestätigen (vgl. oben, Anm. 7).
Bis dahin war es im Verein nicht üblich, einen Gegenstand rein wissenschaftlich abzuhandeln. Das Thema „Produktivität“ wurde dementsprechend auch in der dem Verein nahestehenden Öffentlichkeit als „ein zwar recht interessantes, aber auch schwieriges und ungewisses Stück der theoretischen Nationalökonomie“ eingeschätzt.
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O. V., Der Verein für Sozialpolitik, in: Die Hilfe, Nr. 26 vom 27. Juni 1909, S. 402, Sp. 1.
Die Debatte über die Produktivität der Volkswirtschaft wurde am dritten Verhandlungstag, Mittwoch, dem 29. September, durchgeführt.
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Vgl. Verhandlungen VfSp 1909, nach Eröffnung der Versammlung fand am 1. Verhandlungstag, dem 27. September, zuerst eine Gedenkveranstaltung statt, darauf folgte der Beginn der Debatte über die wirtschaftlichen Unternehmungen der Gemeinden, die am 2. Verhandlungstag, dem 28. September, weitergeführt wurde. Die Referenten beider Themen hatten ihre Referate tatsächlich – wie auf der vorausgegange[203]nen Ausschußsitzung des Vorjahres abgesprochen – in schriftlicher Form zur Verfügung gestellt. Der Chronist des Vereins für Sozialpolitik beschreibt die Diskussion als eine gut vorbereitete, vgl. Boese, Verein, S. 133. Wann diese Referate zur Verfügung gestellt worden waren, geht daraus jedoch nicht hervor, jedenfalls wurden sie im entsprechenden Verhandlungsband abgedruckt, vgl. Verhandlungen VfSp 1909. In seinem ersten Diskussionsbeitrag bezieht sich Weber explizit auf das „vorzügliche, durchsichtige und klare, schriftliche Referat von Herrn von Philippovich“, unten, S. 210 mit Anm. 10.
Das einlei[203]tende Referat hielt Eugen von Philippovich.
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Philippovich, Eugen von, Das Wesen der volkswirtschaftlichen Produktivität und die Möglichkeit ihrer Messung, in: Verhandlungen VfSp 1909, S. 359–370, dem mündlichen Referat auf der Generalversammlung war in den gedruckten Verhandlungen der schriftliche Bericht, ebd., S. 329–358, vorangestellt. Auf den Vortrag von Philippovichs folgten zwei weitere Referate über den „Einfluß des technischen Fortschritts auf die Produktivität“ von Otto Kammerer (ebd., S. 351–425) und „Über die Messung der Veränderungen des Geldwertes“ von Friedrich von Wieser (ebd., S. 541–549).
Er führte aus, daß die volkswirtschaftliche Produktivität an den ökonomischen Interessen der Gesellschaft wie sparsamen technischen Produktionsmethoden einerseits und der Verbesserung der sozialen Lage der Bevölkerung andererseits zu messen sei. Eine solche Verbesserung sei nur mit der Steigerung der Realeinkommen zu erreichen.
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Vgl. ebd., S. 369 f.
An der folgenden ausführlichen Diskussion beteiligte sich neben Max Weber auch Werner Sombart.
Sombart legte dar, daß unter dem Begriff der Produktivität sehr Verschiedenes gemeint sein könne. Die Nationalökonomen als Theoretiker müßten den Inhalt des Begriffs klären und sich bewußt werden, ob sie nur feststellen wollten, „daß etwas ist, oder ob wir uns gleichzeitig zur Aufgabe stellen oder überhaupt nur als einzige Aufgabe ansehen, festzustellen das, was sein soll“.
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Ebd., S. 565.
Sombart plädierte dafür, in der wissenschaftlichen Betrachtung Werturteile auszuschließen, was aber nicht heiße, daß die Ethik keine Rolle spiele. Sie sei im Wirtschaftsleben wie überhaupt im Leben als Motiv zum Handeln gegenwärtig, aber die Wissenschaftler sollten „objektiv Schauende oder Feststellende“
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Ebd., S. 566.
sein. Etwas später in der Diskussion hielt Max Weber seine Rede. In der Frage der Werturteile bezog er sich explizit und zustimmend auf Sombarts Position,
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Vgl. Weber, Diskussionsbeitrag, unten, S. 206–220, hier S. 206 mit Anm. 2.
der vorher seinerseits gesagt hatte, daß er sich in diesen Fragen mit seinem Freund Max Weber einig sei.
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Vgl. Sombart, Diskussionsbeitrag, in: Verhandlungen VfSp 1909, S. 566.
Der Weber-Sombartschen Position standen in der Debatte andere Auffassungen gegenüber. So entwickelte Rudolf Goldscheid seine Position einer „normativen Ökonomie“, die Seiendes und Seinsollendes trenne, wie es auch Max Weber getan habe. Doch stehe einer rein kausal-deskriptiven Ökonomie eine normative Ökonomie gegenüber, die ihre Ideale zu begründen wisse und [204]keine „Schattenexistenz“
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[204] Goldscheid, Diskussionsbeitrag, in: ebd., S. 594–599, hier S. 595.
führe wie die ethische Richtung der Nationalökonomie. Der Begriff des Optimums sei für eine Wissenschaft, die vom Menschen handle, unentbehrlich und lasse sich mit Hilfe naturwissenschaftlicher und evolutionistischer Theorien in deren Form „exakt ermittelte[r] Normen und Werte“
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Ebd., S. 596.
bestimmen und in die Praxis umsetzen. Die normative Ökonomie leite die Tatsachenforschung der deskriptiv-kausalen Ökonomie an, Ursachen- und Zweckforschung bedingten sich wechselseitig.“
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Vgl. ebd., S. 597.
Im Verlauf der Debatte machte Weber mehrere Zwischenbemerkungen und meldete sich noch einmal mit einem längeren, auf Goldscheid antwortenden Diskussionsbeitrag zu Wort.
Die Generalversammlung in Wien gilt als der eigentliche Beginn des Werturteilsstreits.

II. Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck der beiden Redebeiträge Max Webers und seiner Zwischenbemerkungen beruht auf der stenographischen Niederschrift. Sie erschienen in: Verhandlungen der Generalversammlung in Wien, 27., 28. und 29. September 1909 (Schriften des Vereins für Socialpolitik 132). – Leipzig: Duncker & Humblot 1910, S. 580–585 [1.] und S. 603–607 [2.] (A). Die Beiträge werden im Protokoll jeweils eingeführt mit „Professor Dr. Max Weber – Heidelberg“.
Die beiden Redebeiträge haben keine eigenen Titel. Es ist zu vermuten, daß Max Weber ihren Abdruck autorisierte. Offensichtlich hat er die Fahnen vor der Veröffentlichung korrigiert. Dies geht aus einem Brief von ihm an Robert Michels vom 2. Februar 1910 hervor. Danach hat Weber ihm offenbar in Gestalt der Druckfahnen seinen ersten und etwas später auch seinen zweiten Redebeitrag – er spricht von „Äußerungen“ – zugeschickt.
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Brief Max Webers an Robert Michels vom 2. Februar 1910, MWG II/6, S. 384 f., hier S. 384. Des weiteren spricht er in diesem Brief von einer – vermutlich von der dortigen Soziologischen Gesellschaft – geplanten Diskussion in Wien zu dem Thema „‚Sein’ u. ,Sollen’ – das Verhältnis der Werturteile zur Thatsachen-Forschung auf sozialwiss[enschaftlichem] Gebiet“. Er war sich seiner Teilnahme aber noch nicht sicher und sagte wenig später ab, vgl. Karte Max Webers an Robert Michels vom 19. Februar 1910, MWG II/6, S. 411. Die Formulierung des Themas läßt auf Goldscheid schließen.
Mitgeteilt werden hier auch die insgesamt fünf Zwischenrufe Max Webers während der Debatte und des Schlußworts. Sie finden sich als direkte Zitate in dem unten, S. 212, 213 und 220, in Regestform wiedergegebenen Debattenverlauf. Der erste Zwischenruf ist in den Verhandlungen mit „Zuruf Max [205]Webers“ ausgewiesen, bei den vier folgenden heißt es nur: „Zuruf Professor Weber“ bzw. „Zuruf Prof. Weber“. Aufgrund der inhaltlichen Aussagen werden diese Zwischenrufe Max Weber und nicht seinem ebenfalls an der Generalversammlung teilnehmenden Bruder Alfred Weber zugeschrieben.
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[205] Im „Verzeichnis der Redner“, Verhandlungen VfSp 1909, S. 624, werden die beiden Weber-Brüder jeweils mit ihrem abgekürzten Vornamen und den Seitenangaben zu ihren längeren Diskussionsbeiträgen (also ohne die Zwischenrufe) aufgeführt.