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MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[302]Editorischer Bericht

I. Zur Entstehung

Der Zweite Deutsche Soziologentag stand unter dem allgemeinen Thema der Nation, das der Vorsitzende der Gesellschaft Ferdinand Tönnies vorgeschlagen hatte, und zwar unter der Überschrift „Die Begriffe Volk und Nation im Zusammenhange mit Rasse, Staat, Sprache“.
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[302] Vgl. die Editorische Vorbemerkung zu dem Brief Max Webers an Hermann Beck vom 18. November 1911, in: MWG II/7, S. 362 f., hier S. 362.
Obwohl Max Weber bereits zum 1. Januar 1911 aus dem Vorstand ausgetreten war,
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Vgl. den Brief Max Webers an den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vom 27. Oktober 1910, in: MWG II/6, S. 659–662, hier S. 661, vgl. auch Lepsius, Μ. Rainer und Wolfgang J. Mommsen, Einleitung, in: MWG II/7, S. 1–16, hier S. 3 f.
beteiligte er sich auch jetzt wieder an der Bestimmung des Themas und der Auswahl der Referenten. So informierte er am 4. März 1912 Robert Michels, der einen Vortrag zu halten wünschte, über Thema, Zeit und Ort: „Nationalität u. ihre verschiedenen Beziehungen“,
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Brief Max Webers an Robert Michels vom 4. März 1912, MWG II/7, S. 448 f., hier S. 448 mit Hg.-Anm. 2.
Mitte Oktober in Berlin. Unter dem Titel „Die historische Entwicklung des Vaterlandsgedankens“ wurde er ins Programm aufgenommen.
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Vgl. Verhandlungen DGS 1912, S. 140–184, sowie Max Webers Diskussionsbeitrag dazu, unten, S. 326–328.
Weber, der an der Thematik des Soziologentages sehr interessiert war,
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Vgl. den Brief Max Webers an den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vom 8. Oktober 1911, MWG II/7, S. 331, sowie den Editorischen Bericht zu Weber, Ethnische Gemeinschaften, in: MWG I/22-1, S. 162–167, hier S. 163 f.
wollte, und zwar „als erstes Thema“,
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Brief Max Webers an Hermann Beck vom 13. März 1912, MWG II/7, S. 466 f., hier S. 466.
das Problem „Nation und Rasse“ behandelt wissen. Er schlug in einem Brief vom März 1912 dem Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Soziologie Hermann Beck vor, den Rassentheo[303]retiker Alfred Ploetz nach einem geeigneten Referenten zu fragen.
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[303] Vgl. ebd. Alfred Ploetz hatte auf dem Ersten Soziologentag 1910 selbst einen Vortrag über Rasse und Gesellschaft gehalten, an dessen Diskussion sich Weber auch beteiligt hatte, vgl. Weber, Die Begriffe Rasse und Gesellschaft, oben, S. 243–260.
Aus einem Brief an Michels vom 9. März 1912 geht hervor, daß Weber selbst erwogen hatte, ein „Referat“
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Brief Max Webers an Robert Michels vom 9. März 1912, MWG II/7, S. 460 f., hier S. 460.
zu halten; es kam jedoch nicht zustande. Wie ein solches „Referat“ ausgesehen hätte und warum es nicht gehalten wurde, verrät ein gegen Ende März geschriebener Brief an den Vorstand der Gesellschaft.
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Vgl. den Brief Max Webers an den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, nach dem 21. März 1912, MWG II/7, S. 483 f., hier S. 483.
Es könne, so bemerkt Weber, nur darum gehen, die verschiedenen Begriffe von „Nation“ (z. B. „staatliche Gemeinschaft, Sprachgemeinschaft, Abstammungs- und ethnische Gemeinschaft, ‚Kultur‘-Gemeinschaft“) „in ihren verschiedenen möglichen Bedeutungen“ zu beschreiben, „um so die Sprachverwirrung“ zu beseitigen, „ohne sich für eine dieser Bedeutungen als die ,eigentliche‘ zu entscheiden.“
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Ebd.
Für einen solchen, jede Polemik meidenden Vortrag stünde er zur Verfügung, wenn sein Bruder nicht schon beteiligt wäre.
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Vgl. ebd., S. 484. Alfred Weber hielt am 20. Oktober 1912 den Eröffnungsvortrag mit dem Titel „Der soziologische Kulturbegriff“, vgl. Verhandlungen DGS 1912, S. 1–20.
So behielt sich Weber vor, sein „Problemgebiet“ stattdessen in der Diskussion zu behandeln.
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Vgl. den Brief Max Webers an Hermann Beck vom 13. März 1912, MWG II/7, S. 466 f.; so auch schon in einem früheren Brief an Beck vom 18. November 1911, MWG II/7, S. 362 f., hier S. 363: „Ich würde also in der Diskussion – denn auf einen Vortrag mache ich keinen Anspruch – sehr leicht die Sache auf sachliche Probleme lenken helfen können […].“ Unklar ist, warum Weber in seinem o.g. Brief an Michels vom 9. März 1912, MWG II/7, S. 460 f., hier S. 460, schrieb, „ich weiß nicht, ob mein Referat akzeptiert wird.“ Vielleicht dachte Weber an ein Ko-Referat; im Inhaltsverzeichnis des Verhandlungsbandes allerdings werden „Vortrag“ und „Referat“ gleichsinnig gebraucht.
Neben seinem Beitrag zu Barths Vortrag beteiligte sich Weber tatsächlich als Diskussionsredner an den beiden weiteren Verhandlungsrunden zu Ferdinand Schmids Vortrag „Das Recht der Nationalitäten“
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Vgl. Weber, Das Recht der Nationalitäten, unten, S. 318.
am selben sowie zu den Vorträgen von Ludo Moritz Hartmann, Franz Oppenheimer und Robert Michels am folgenden Tag.
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Vgl. Weber, Die rassentheoretische Geschichtsphilosophie, unten, S. 322–328. Die Diskussion wurde erst nach dem Vortrag von Michels eröffnet, so daß sie sich genaugenommen – je nach Schwerpunkt des Diskutanten – auf die drei Vorträge des zweiten Verhandlungstages bezog.
Unter dem Begriff der Nationalität wollte Paul Barth in seinem Vortrag „Die Nationalität in ihrer soziologischen Bedeutung“, gehalten am Vormittag des 21. Oktober 1912, ein instinktives Gefühl der Zugehörigkeit des Menschen zu [304]seiner Gruppe verstehen, und er verfolgte dessen historische Entwicklung von den frühen Horden, Sippen- und Religionsgemeinschaften über Volksgemeinschaften zu solchen Gruppen, in denen sich ein solches Verständnis von Nationalität in Lehren und Idealen ausgedrückt findet. Auf eine solche „objektive, geschichtliche Betrachtung“
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[304] Barth, Die Nationalität in ihrer soziologischen Bedeutung, in: Verhandlungen DGS 1912, hier S. 43.
der Nationalität folge mit der Frage nach dem „soziologischen Werte
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Ebd., S. 43.
aber eine „ganz andere Art von Betrachtung“.
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Ebd., S. 43.
Dabei gehe es um den „letzten Zweck, dem die Nationalität, wie alles geschichtliche Geschehen, dient“.
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Ebd., S. 43.
Die Entwicklung einer Gesellschaft erkenne man daran, daß der gute, für den sozialen Zusammenhalt sorgende Wille und das „Geistesleben“
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Ebd., S. 46.
des Einzelnen gefördert werde. Daraus ergebe sich die Frage, wie sowohl ein gemeinsamer Wille als auch ein gemeinsames Gedankenleben, der „geistige Organismus“
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Ebd., S. 46.
eines Volkes, voranzubringen sei. Daran schloß Barth die weitere Frage an, ob es für diesen Fortschritt des geistigen Organismus nicht besser sei, „wenn der Staat nicht national, sondern international wäre?“
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Ebd., S. 48.
An dieser Stelle vermerkt das Protokoll: „Hier wurde der Vortrag abgebrochen“.
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Ebd., S. 48, vgl. auch o. V., 2. Deutscher Soziologentag, in: Frankfurter Zeitung, Jg. 57, Nr. 293 vom 22. Oktober 1912, 3. Mo.Bl., S. 2 f., hier S. 2, auch ein in der von Paul Barth herausgegebenen „Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie“ veröffentlichter Bericht erwähnt den Abbruch der Rede Barths, vgl. Boehm, Max H., Der zweite deutsche Soziologentag, in: ebd., 37. Jg., N. F. 12, Heft 1, 1913, S. 126–133, hier S. 129.
Genaueres berichtet die Frankfurter Zeitung: Barth sei vom Vorsitzenden darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Soziologische Gesellschaft Werturteile vermeiden wolle. Als der Vortragende weitersprechen wollte, sei er aber von Max Weber „in sehr heftiger Weise“
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Ebd.
unterbrochen worden: „Es ist strikte verboten, Sie dürfen nicht von Werturteilen sprechen!“
24
Ebd.
Nach einer Verlegenheitspause sei mit der Diskussion begonnen worden.
25
Vgl. ebd.
Im Hinblick auf die von Barth zuletzt gestellte Frage nach der Nationalität oder Internationalität des Staates gab der Vorsitzende Ferdinand Tönnies zu bedenken, daß die Gesellschaft für Soziologie Werturteile von ihren Verhand[305]lungen per Statut ausschließe.
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[305] Vgl. Tönnies, in: Verhandlungen DGS 1912, S. 49, vgl. auch zur Frage der Werturteile in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie den Editorischen Bericht zu Weber, Technik und Kultur, oben, S. 221 f.
Barth habe das Nationalitätsgefühl als etwas „Feststehendes“
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Tönnies, in: Verhandlungen DGS 1912, S. 49.
behandelt, aber es gehe doch darum, den Begriff Nationalität und die wechselnden Vorstellungen, die mit ihm verbunden werden, auszuarbeiten, um auch Begriffe wie Volk, Stamm und Nation klären zu können. Danach wurde Max Weber das Wort erteilt.
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Vgl. ebd.
Die Debatte über Barths Vortrag wurde in der Nachmittagssitzung, nachdem Ferdinand Schmid seinen Vortrag gehalten hatte, fortgeführt,
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In Verhandlungen DGS 1912, S. 72, heißt es: „Fortsetzung der Diskussion“. Nach wenigen Bemerkungen zu Schmids Vortrag sagt Weber: „Nun zu den Erörterungen von heute Vormittag“, vgl. dazu unten, S. 312.
so daß sich Weber insgesamt dreimal auf Barths Vortrag und die damit zusammenhängende Diskussion bezog. In seinem zweiten Beitrag geht es um die Frage, welcher der beiden Kulturfaktoren, Literatur oder Kunst, ausschlaggebend sei für die Ausbildung einer sich als Nation erfahrenden Gemeinschaft.
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Vgl. unten, S. 312.
Der dritte Beitrag bezeugt noch einmal, wie wichtig es Weber war, die Werturteilsfreiheit in den Diskussionen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie durchzusetzen. Er zeigt an einem Beispiel mögliche unterschiedliche Bewertungen kultureller Faktoren im Hinblick auf die Bildung eines nationalen Gemeinschaftsgefühls; deren wertende Betrachtung sei aber keine empirische, kausale Erklärung. In einer Wertediskussion ließen sich nur die Standpunkte austauschen, aber keine Einigung erzielen. Deshalb seien aus gutem Grunde solche Diskussionen per Statut aus der Gesellschaft für Soziologie ausgeschlossen.
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Vgl. unten, S. 315.

II. Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Die Redebeiträge Max Webers folgen dem Abdruck in den Verhandlungen des Zweiten Deutschen Soziologentages vom 20.–22. Oktober 1912 in Frankfurt a. Μ. – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1913, S. 49–52 [1.], S. 72 f. [2.] und S. 74 f. [3.] (A), der auf der Grundlage einer stenographischen Mitschrift erfolgt ist. Die Redebeiträge Max Webers sind jeweils eingeleitet mit „Professor Max Weber (Heidelberg)“. Sie verteilten sich über den ersten Verhandlungstag.
[306]Weber hatte, wie schon für den Tagungsband des Ersten Soziologentages,
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[306] Vgl. den Editorischen Bericht zu Weber, Technik und Kultur, oben, S. 224 f.
auch für die Verhandlungen des Zweiten Soziologentages die Überarbeitung der Stenogramme sowie die redaktionelle Betreuung für die Veröffentlichung übernommen.
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Vgl. den Brief Max Webers an Paul Siebeck vom 3. Januar 1913, MWG II/8, S. 23 f., hier S. 24, sowie an Paul Siebeck vom 22. Februar 1913, ebd., S. 94.
Gemäß dem Beschluß des Vorstandes vom Januar 1911, die stenographische Wiedergabe der Diskussion in „angemessener Weise“ zu kürzen,
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Vgl. das Protokoll der Vorstandssitzung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vom 5. Januar 1911, SHLB Kiel, Nl. Ferdinand Toennies, Cb 54.61:1.2.10.
wird er auch bei der Bearbeitung des zweiten Verhandlungsbandes verfahren sein. In der Vorbemerkung zu diesem Band heißt es, daß nach Maßgabe des Vorstandsbeschlusses die Referate der Verhandlungen vollständig, die Diskussionen dagegen nur auszugsweise veröffentlicht würden. In solchen Diskussionen würde vieles geäußert, „was grade nur durch den aktuellen Moment bedingt ist […] und woran der Gesamtheit der soziologisch Interessierten keine Teilnahme zuzumuten ist“.
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Vgl. Verhandlungen DGS 1912, S. V.
Im Februar 1913 schrieb Weber an den Verleger lapidar: „Ich corrigiere die ‚Debatten‘.“
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Brief Max Webers an Paul Siebeck vom 8. Februar 1913, MWG II/8, S. 86 f., hier S. 86; Sombart und Simmel hatten für den Druck auch Streichungen vorgenommen, vgl. den Brief Max Webers an Paul Siebeck vom 28. März 1913, MWG II/8, S. 151 mit Hg.-Anm. 1.
Ausdrücklich hatte Weber ihn auch gebeten, ihm die Stenogramme seiner eigenen Diskussionsreden zu schicken, er wolle sie durchsehen: „Erfahrungsgemäß pflegt, da ich sehr schnell spreche, das was ich sage, in abscheulicher Art entstellt zu werden.“
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Brief Max Webers an Paul Siebeck vom 7. Januar 1913, MWG II/8, S. 42.
Es ist folglich davon auszugehen, daß Max Weber den Abdruck seiner Redebeiträge beim Zweiten Deutschen Soziologentag autorisiert hat.
Da kein Weber-eigener Titel vorliegt, hat der Herausgeber den Vortragstitel von Paul Barth übernommen, diesen aber in eckige Klammern gestellt.
Im Verhandlungsband nicht überliefert ist eine Aussage von Max Weber, die sich nur im Bericht der Frankfurter Zeitung vom 22. Oktober 1912 findet.
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Vgl. FZ, Jg. 57, Nr. 293 vom 22. Oktober 1912, 3. Mo.Bl., S. 2 f., hier S. 2.
„Es ist vielleicht der letzte Soziologentag, an dem ich teilnehme. So lange ich aber teilnehme, werde ich bis zuletzt dahin wirken, daß die Trennung zwischen der Erörterung praktischer und der hier gepflegten Besprechung theoretischer Probleme streng durchgeführt wird, jene Trennung, die ja die Abzweigung der Soziologischen Gesellschaft von dem ,Verein für Sozialpolitik‘ herbeigeführt hat.“
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Ebd., diese Passage ist im Artikel der FZ ohne Anführungszeichen, aber in direkter Rede wiedergegeben, anschließend folgt die Wiedergabe von Webers Diskussionsbeitrag in indirekter Rede.