Wortbildmarke BAdW

MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[145]Editorischer Bericht

I. Zur Entstehung

Zu dem im Mai 1909 erschienenen Buch „Energetische Grundlagen der Kulturwissenschaft“ von Wilhelm Ostwald schrieb Max Weber eine Besprechung, die im Septemberheft des „Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ erschien.
1
[145] Ostwald, Wilhelm, Energetische Grundlagen der Kulturwissenschaft (Philosophisch-soziologische Bücherei, Band 16). – Leipzig: Klinkhardt 1909 (hinfort: Ostwald, Kulturwissenschaft). Ein stark bearbeitetes Exemplar findet sich in der Handbibliothek Max Webers, BAdW München. Die Besprechung Max Webers trägt den Titel: „Energetische“ Kulturtheorien, unten, S. 148–182.
Der Chemiker und Naturphilosoph Wilhelm Ostwald vertrat eine monistische Gesellschaftstheorie: Der Gegensatz von Geist und Materie sei durch den Begriff der Energie zu überwinden. Mit diesem „Denkmittel“
2
Ostwald, Kulturwissenschaft, S. VI.
ließen sich die physischen und psychischen Erscheinungen durch das Gesetz von der Erhaltung der Energie einheitlich erklären.
3
Ostwald, Wilhelm, Die philosophische Bedeutung der Energetik, in: ders., Abhandlungen und Vorträge allgemeinen Inhaltes (1887–1903). – Leipzig: Veit & Comp. 1904, S. 258–281, bes. S. 275; vgl. auch Ostwald, Kulturwissenschaft, bes. S. 70.
Zweck der Vergesellschaftung des Menschen sei es, eine Ordnung zu schaffen, die dann zum „Kulturfaktor“
4
Vgl. ebd., S. 112.
werde, wenn sie für menschliche Leistungen das Verhältnis von Energieaufwand und Ertrag immer weiter verbessere. Nur eine solche soziale Ordnung könne als „wertvoll“
5
Ebd., S. 113.
anerkannt werden.
6
Zu Ostwalds Vorstellungen und ihrem wissenschaftsgeschichtlichen Kontext vgl. Neuber, Matthias, Max Weber, Wilhelm Ostwald und die „energetischen Grundlagen“ der Kulturwissenschaft, in: Wagner/Härpfer (Hg.), Max Webers vergessene Zeitgenossen (wie oben, S. 9, Anm. 37), S. 29–54.
Max Weber befaßt sich in seiner Besprechung ausführlich mit Ostwalds naturgesetzlichem Evolutionismus. Alles Geschehen energetisch zu betrachten und „intellektuell durch seine Begriffsmittel zu beherrschen“,
7
Weber, Kulturtheorien, unten, S. 149.
verleite ihn dazu, für das Gebiet des Seinsollenden die Wertmaßstäbe aus dem naturwissenschaftlich erhobenen Datenmaterial abzuleiten. Trotz aller methodischen und sachlichen Kritik an Ostwalds energetischer Betrachtung – insbesondere [146]weist Weber nach, daß Kunst nicht mit Begriffen wie dem der Kraftersparnis zu erfassen ist
8
[146] Vgl. ebd., unten, S. 169–172.
– könnten Weber zufolge Aussagen zur „Anwendung des Energiegesetzes auf die sozialen Erscheinungen“ durchaus anregend sein,
9
Vgl. unten, S. 179.
letztlich seien aber weder eine Soziologie noch eine Weltanschauung durch naturwissenschaftliche Theoreme zu begründen.
Weber war im Jahr 1909 unter anderem mit der neu gegründeten Deutschen Gesellschaft für Soziologie und der Planung des Ersten Deutschen Soziologentages beschäftigt. Dieser fand zwar erst im Herbst 1910 statt, seit Anfang des Jahres 1909 liefen aber schon organisatorische Vorbereitungen und Absprachen zu Themen und geeigneten Referenten, woran sich Weber beteiligte.
10
Vgl. den Editorischen Bericht zu Weber, Technik und Kultur, unten, S. 221–224.
Möglicherweise beabsichtigte Wilhelm Ostwald, der den Gründungsaufruf für die Deutsche Gesellschaft für Soziologie mit unterschrieben hatte und mit Rudolf Goldscheid, einem der Initiatoren der Gründung, in persönlichem Kontakt stand,
11
Vgl. Neef, Katharina, Die Entstehung der Soziologie aus der Sozialreform. – Frankfurt/New York: Campus 2012, S. 134. Ostwald hatte den ersten Beitrittsaufruf zur Gründung der Gesellschaft unterschrieben.
einen Vortrag auf dem Soziologentag zu übernehmen. Weber, der prinzipiell befürwortete, daß auch über „naturwissenschaftliche Soziologie“ auf dem Soziologentag verhandelt werde,
12
Vgl. den Editorischen Bericht zu Weber, Die Begriffe Rasse und Gesellschaft, unten, S. 237–242, hier S. 238.
wollte ein solches Thema nicht Wilhelm Ostwald überlassen, sah aber auch keine Möglichkeit, ihn einfach zu übergehen, wie er an Heinrich Herkner schrieb: „Vor Ostwaldʼs ‚energetischer Soziologie‘ graut mir stark, – aber wenn er reden wollte, so müßte man ihn doch wohl, um Verstimmungen zu vermeiden, […] angesichts seiner sonstigen Bedeutung, fragen.“
13
Brief Max Webers an Heinrich Herkner vom 8. Mai 1909, MWG II/6, S. 113–117, hier S. 116.
Dies könnte Weber im Sommer 1909 motiviert haben, Ostwalds energetische Soziologie kritisch zu besprechen. Gleichfalls im Mai hatte er an Heinrich Herkner geschrieben, daß er sich immer mehr der wissenschaftlichen Kritik zuwenden wolle, und da müsse er auch Ostwald mit „sachlicher Rücksichtslosigkeit“ angreifen.
14
Vgl. Brief Max Webers an Heinrich Herkner vom 11. Mai 1909, MWG II/6, S. 121–123, hier S. 121.
Ende August 1909 erwartete Weber bereits die Korrektur der Ostwald-Rezension, die dann im September-Heft des „Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ erschien, zusammen mit seinen Rezensionen zu einem Buch von Adolf Weber über die Aufgaben der Volkswirtschaft
15
Vgl. den Editorischen Bericht zu Weber, Rezension von: Adolf Weber, unten, S. 183–185.
und zu [147]Franz Eulenburgs Buch über die Entwicklung der Universität Leipzig
16
[147] Vgl. Weber, Rezension von: Franz Eulenburg: Die Entwicklung der Universität Leipzig in den letzten hundert Jahren, MWG I/13, S. 163–170.
sowie dem letzten Teil seiner eigenen Studie „Zur Psychophysik der industriellen Arbeit“.
17
Vgl. Weber, Zur Psychophysik der industriellen Arbeit. IV. (Schluß), MWG I/11, S. 344–380.

II. Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der unter dem Titel „‚Energetische‘ Kulturtheorien“ im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, hg. von Werner Sombart, Max Weber und Edgar Jaffé, Band 29, Heft 2, 1909, S. 575–598, am 30. September 1909 erschienen ist (A).