Wortbildmarke BAdW

MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[111]Editorischer Bericht

I. Zur Entstehung

Am 15. Februar 1908 hielt Lujo Brentano in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften einen Vortrag mit dem Titel „Die Entwickelung der Wertlehre“. Er wurde wenig später in den Sitzungsberichten der Akademie veröffentlicht.
1
[111] Brentano, Lujo, Die Entwickelung der Wertlehre (Sitzungsberichte der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-philologische und historische Klasse, Jahrgang 1908, 3. Abhandlung). – München: Verlag der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1908, S. 1–84 (hinfort: Brentano, Wertlehre).
Ein Exemplar dieser Veröffentlichung sandte Brentano an Max Weber. Dieser bedankte sich dafür Ende Mai 1908 in einem Brief mit der Bemerkung, daß er die Ausführungen „wie selbstredend, mit dem größten Interesse gelesen habe“.
2
Vgl. Brief Max Webers an Lujo Brentano vom 29. Mai 1908, MWG II/5, S. 578 f., hier S. 578 mit Hg.-Anm. 1.
Brentano stellt in seinem Beitrag die objektive und die subjektive Werttheorie der Nationalökonomie einander gegenüber. Während die Vertreter der objektiven Wertlehre über ein als Ideal gedachtes Wirtschaftssystem philosophierten und das wirtschaftliche Kalkül in Abhängigkeit von diesem Ideal bestimmt sehen wollten, seien die „konkrete[n] Fragen“ von den Vertretern der subjektiven Wertlehre gestellt worden: „Die konkreten Erscheinungen des Lebens zwangen sie, auf die unter den gegebenen Verhältnissen vorhandenen Bedürfnisse und das Maß, in dem eine bestimmte Menge eines Guts verlangt wurde, um sie zu befriedigen, zurückzugehen, um den Wert zu erklären.“
3
Brentano, Wertlehre, S. 24.
Das sei mit Hilfe der Grenznutzlehre geschehen. Danach vermindere sich die Intensität eines Bedürfnisses in der subjektiven Einschätzung mit dem Maß seiner Sättigung. Gehe die Kraftanstrengung, um ein Gut zu erreichen – Brentano vergleicht hier Kraftanstrengung mit der Muskelkraft –, über ein bestimmtes Maß hinaus, sinke die Intensität des Empfindens, weil die Beschwerden überwögen; der Genuß sei nur bei Überschreiten einer bestimmten Reizhöhe wahrzunehmen.
4
Vgl. ebd., S. 55 ff.
Der von dem Mathematiker Daniel Bernoulli festgestellte Zusammenhang, daß bei Zunahme eines Geldbetrages die Intensität der Glücksempfindung vom bereits vorhandenen Vermögen [112]abhänge, entspreche der im Weber-Fechnerschen Gesetz formulierten Annahme, daß der Reizzuwachs, der einen eben merklichen Empfindungszuwachs bewirkt, in einem konstanten Verhältnis zum Ausgangsreiz steht. Demzufolge lasse sich, so Brentano, die Grenznutzlehre mit dem psychophysischen Grundgesetz begründen.
Hier setzt Webers Kritik an. In dem genannten Brief an Brentano äußert er seinen Zweifel, daß sich die nationalökonomische Wertlehre mit dem Weber-Fechnerschen Gesetz der mathematisch meßbaren Abhängigkeit von Reiz und Empfindung in Beziehung setzen lasse.
5
[112] Vgl. Brief Max Webers an Lujo Brentano vom 29. Mai 1908, MWG II/5, S. 578 f., hier S. 578.
Reiz und Bedürfnis seien „ganz disparate Kategorien“,
6
Ebd., S. 579.
die Grenznutzlehre habe mit Psychologie nichts zu tun. „Damit giebt man m. E. der Schmollerei die Bahn frei, die mit ‚Psychologie‘ zu arbeiten pflegt.“
7
Ebd. Schmoller formulierte seinen methodischen Zugang zur Nationalökonomie folgendermaßen: „Die Psychologie ist uns der Schlüssel zu allen Geisteswissenschaften und also auch zur Nationalökonomie. […] Jeder Forscher, der uns die Industrie eines Volkes, der uns nur die Arbeiter eines Fabrikzweiges vorführt, beginnt mit einer psychologischen Zeichnung; bei jedem allgemeinen Schluß über die Wirkung einer Institution, einer Veränderung von Angebot und Nachfrage auf die Entschließungen der Menschen handelt es sich darum, die psychologischen Zwischenglieder der Untersuchung richtig zu bestimmen.“ Schmoller, Gustav, Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre, erster Teil, 1.–3. Aufl. – Leipzig: Duncker & Humblot 1900, S. 107.
Brentano antwortet, man könne mit dem Gesetz des Grenznutzens auf dem Gebiet der theoretischen Nationalökonomie „die Einheit der Erscheinungen“ darlegen, er wolle damit nicht in „Schmollerei“ verfallen.
8
Vgl. Brief von Lujo Brentano an Max Weber vom 2. Juni 1908, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446.
Eine Erörterung der angesprochenen Fragen führe zu weit, antwortet wiederum Weber umgehend: „[…] vielleicht an andrem Ort darüber“.
9
Vgl. Brief Max Webers an Lujo Brentano vom 3. Juni 1908, MWG II/5, S. 580–582, hier S. 580.
Ein paar Wochen später kommt er darauf zurück, Mitte August 1908 schreibt er an Brentano: „Im Sept[ember]-Heft des Archiv werde ich versuchen, meine Bedenken gegen Ihre ‚Fechner‘-These (in der ,Werthlehre‘) zu formulieren“,
10
Vgl. Brief Max Webers an Lujo Brentano vom 18. August 1908, MWG II/5, S. 643 f., hier S. 644.
was er dann auch tut.
Weber war in diesem Sommer 1908 bereits in anderem Zusammenhang mit Fragen zum Verhältnis von Nationalökonomie und naturwissenschaftlicher Psychologie befaßt. Im Verein für Sozialpolitik hatte man im Oktober 1907 vereinbart, eine Untersuchung mit dem Titel „Die geistige Arbeit in der Großindustrie“ durchzuführen, und ein Jahr später, im Oktober 1908, beschloß man dieses Forschungsvorhaben unter dem Titel „Erhebungen über Auslese und Anpassung (Berufswahl und Berufsschicksal) der Arbeiterschaft der [113]geschlossenen Großindustrie“.
11
[113] Vgl. Schluchter, Einleitung, in: MWG I/11, S. 1–58, hier S. 17 ff.
Max Weber arbeitete in dem vorbereitenden Unterausschuß mit und legte eine Denkschrift über die Methodik der Erhebungen vor, die den Mitarbeitern als Arbeitsanweisung an die Hand gegeben werden könne.
12
Weber, Max, Erhebungen über Auslese und Anpassung (Berufswahl und Berufsschicksal) der Arbeiterschaft der geschlossenen Großindustrie, MWG I/11, S. 78–149, hier S. 78 f.
Er erläuterte darin die Fragestellung der Enquete. In dieser gehe es zum einen um den Einfluß der Industrie auf die Lebensführung des Arbeiters, zum anderen um die Abhängigkeit der Industrie von den physischen und psychischen Qualitäten ihrer Arbeiterschaft. Der Nationalökonom müsse dafür auf Kategorien der Psychologie wie z. B. Leistung und Ermüdung, Lern- und Übungsfähigkeit zurückgreifen.
13
Vgl. bes. Kap. II. Die naturwissenschaftlichen Probleme der Erhebung, ebd., S. 97–123.
Ebenfalls im Sommer 1908 begann Weber eine Studie „Zur Psychophysik der industriellen Arbeit“.
14
Vgl. Weber, Zur Psychophysik der industriellen Arbeit, MWG I/11, S. 162–380.
Er setzte sich in dieser Arbeit, die in vier Folgen von November 1908 bis September 1909 erschien, ausführlich mit den Methoden und dem Begriffsapparat der naturwissenschaftlichen Psychologie auseinander,
15
Webers Beschäftigung mit der Experimentalpsychologie geht zurück auf seinen Aufsatz von 1905: Roscher und Knies II, S. 89–150 (MWG I/7), vgl. dazu Schluchter, Einleitung, in: MWG I/11, S. 1–58, bes. S. 37 ff.
insbesondere mit dem Ansatz von Emil Kraepelin. Weber gelangte zu dem Schluß, daß die Leistungsfähigkeit für ganz bestimmte Arbeitsschritte mit den Begriffen Kraepelins und auch anderen, in exakten Versuchen ermittelten Begriffen durchaus zu erfassen sei. Dennoch bleibe zwischen einer psychophysischen Psychologie, die nach Reiz-Reaktions-Zusammenhängen frage, und der Nationalökonomie, die Zweck-Mittel-Relationen analysiere, eine tiefe Kluft.
16
Vgl. Weber, Zur Psychophysik der industriellen Arbeit, Kap. 6. Methodische Fragen, MWG I/11, S. 218–250, vgl. auch Frommer, Sabine, Naturalismus und Naturalismuskritik. Emil Kraepelins Arbeitspsychologie und ihre Rezeption durch Max Weber, in: Kultur und Kulturwissenschaften um 1900. II Idealismus und Positivismus, hg. von Gangolf Hübinger, Rüdiger vom Bruch, Friedrich Wilhelm Graf. – Stuttgart: Steiner 1997, S. 190–206.
Weber war also zu der Zeit, als ihn Brentanos Veröffentlichung zur Wertlehre erreichte, gerade mit den methodischen und begrifflichen Voraussetzungen derjenigen Richtung psychologischer Forschung beschäftigt, mit der Brentano die subjektive Wertlehre der Nationalökonomie theoretisch zu begründen suchte. Mitte August schloß er zunächst einmal die Denkschrift zur Enquete im Verein für Sozialpolitik ab. Wie aus einem Brief an Marianne Weber hervorgeht, wollte er sich nun an den Artikel für das Archiv setzen.
17
Vgl. Brief Max Webers an Marianne Weber vom 13. August 1908, MWG II/5, S. 632.
Ob er [114]damit die Besprechung von Brentanos Schrift über die Wertlehre oder die erste Folge seines Literaturberichtes „Zur Psychophysik der industriellen Arbeit“
18
[114] Dieser Text ist im AfSSp erschienen unter der Rubrik „Kritische Literatur-Übersichten“, vgl. Editorischer Bericht zu: Weber, Zur Psychophysik der industriellen Arbeit, MWG I/11, S. 150–161, hier S. 150.
meinte, muß offen bleiben. Seine Besprechung erschien einen Monat später, am 25. September 1908.

II. Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der unter dem Titel „Die Grenznutzlehre und das ‚psychophysische Grundgesetz‘“ im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, hg. von Werner Sombart, Max Weber und Edgar Jaffé, Band 27, Heft 2, 1908, S. 546–558, am 25. September 1908, erschienen ist (A).