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Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[319]Editorischer Bericht

I. Zur Entstehung

Der Mediziner und Nationalökonom Franz Oppenheimer hielt auf dem Zweiten Deutschen Soziologentag in Berlin einen Vortrag mit dem Titel „Die rassentheoretische Geschichtsphilosophie“, der am zweiten Verhandlungstag, den 22. Oktober 1912, stattfand.
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[319] In: Verhandlungen DGS 1912, S. 98–139.
Vor Oppenheimer hatte der Historiker Ludo Moritz Hartmann seine Rede „Die Nation als politischer Faktor“
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Ebd., S. 80–97.
gehalten, nach Oppenheimer folgte der deutsch-italienische Soziologe Robert Michels mit der Rede „Die historische Entwicklung des Vaterlandsgedankens“.
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Ebd., S. 140–184.
Die Diskussion wurde für die drei Reden zusammengefaßt und begann nach dem Vortrag von Michels.
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Vgl. ebd., S. 185–192.
Oppenheimer lehnte rassentheoretische Erklärungen zum Zusammenhang von Rasseneigenschaften bestimmter Völker und ihren sozialen und kulturellen Leistungen ab. Sie entsprächen einer Ideologie, die die Überlegenheit höher stehender, besitzender Klassen damit legitimiere, daß die nichts besitzenden und nichts leistenden Klassen sozial unten stehen, weil sie vermeintlich minderwertige Rassenmerkmale aufwiesen. Dagegen setzte Oppenheimer seine These, daß die Persönlichkeit eines Menschen vielmehr von seiner Zugehörigkeit zu seiner Gruppe bestimmt sei. Er ging von einem „strengen, fast mechanischen, rein kausalen Zusammenhange“ aus,
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Ebd., S. 134.
den nur eine Theorie des Milieus erklären könne.
Für Hartmann entstand die nationale Bewegung im 19. Jahrhundert durch Sprachgemeinschaft und der durch die Sprache vermittelten Verkehrsge[320]meinschaft. Er betrachtete den Nationalstaat im Gegensatz und in Abgrenzung zum Machtstaat als die vorläufig höchste Stufe der Entwicklung, der gegenüber andere staatsbildende Faktoren wie Eroberung oder Religion als „Rudimente“
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[320] Ebd., S. 84.
erschienen. In der Politik umstritten war ihm zufolge die Frage der Sprachgrenzen und die der Assimilation von Minderheiten: Er plädierte dafür, innerhalb der „historischen Gegebenheiten“
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Ebd., S. 92.
Sprachgrenzen zu akzeptieren und die Assimilation zu fördern, um den freiheitlichen und demokratischen Charakter der nationalen Politik zu erhalten.
Michels beschrieb die Entwicklung von kleinstaatlichem Gruppenpatriotismus zum Vaterlandsgedanken sich zentralisierender Nationalstaaten, dabei hätten Religion, Literatur und Sprache eine besondere Bedeutung. Die Nationen besinnen sich ihm zufolge zunehmend auf ihre kulturelle Eigenart und entwickeln ein Gefühl für Nationalität. Der heutige Patriotismus sei Resultat von demokratischer Bewegung und möglich werdender Teilnahme der Bürger am Staat.
Die „Frankfurter Zeitung“ berichtete am nächsten Tag in ihrem Artikel vom 23. Oktober 1912 zum Soziologentag, Oppenheimers dezidierte Ablehnung einer rassentheoretischen Geschichtsphilosophie habe dazu geführt, daß während seines Vortrages Widerspruch aus der Zuhörerschaft laut geworden und es schließlich zum „Exodus einer Minderheit
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Vgl. o. V., 2. Deutscher Soziologentag, in: Frankfurter Zeitung, Jg. 57, Nr. 294 vom 23. Oktober 1912, 3. Mo.Bl., S. 1, sowie Boehm, Max H., Der zweite deutsche Soziologentag, in: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie, hg. von Paul Barth, 37. Jg., N. F. 12, Heft 1, 1913, S. 126–133, der berichtet, daß der Vortrag von Oppenheimer „lebhafte Unruhe“, ebd., S. 132, hervorgerufen habe.
gekommen sei. Aus dem Verhandlungsband des Zweiten Soziologentages, dessen Redaktion Max Weber übernommen hatte, geht kein Hinweis auf diesen Tumult hervor. Gemäß einem Beschluß des Vorstandes der Gesellschaft für Soziologie wurden die Diskussionen auch nur auszugsweise veröffentlicht, da nicht alles situativ Geäußerte von allgemeinem Interesse sei.
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Vgl. Verhandlungen DGS 1912, S. V, sowie den Editorischen Bericht zu Weber, Die Nationalität in ihrer soziologischen Bedeutung, oben, S. 306 mit Anm. 35.
Max Weber unterstützte in seinem Redebeitrag im wesentlichen die Kritik Oppenheimers an der Rassentheorie,
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Über die Diskussion vor Webers Redebeitrag berichtet die Frankfurter Zeitung, daß neben anderen „Herr Müller-Hoch [sprach], offenbar im Namen der Rassentheoretiker, und […] den Exodus seiner Freunde mit dem Hinweis auf die Unmäßigkeit der Oppenheimerschen Polemik [begründete], die es erstaunlich erscheinen lasse, daß in einer Berliner wissenschaftlichen Gesellschaft ein solcher Vortrag gehalten werden konnte. Dem Redner wurde nach weiteren persönlichen Bemerkungen das Wort entzogen.“ o. V., 2. Deutscher Soziologentag, in: Frankfurter Zeitung, Jg. 57, Nr. 294 vom 23. Oktober 1912, 3. Mo.Bl., S. 1.
für deren Deutungen historischer [321]Epochen charakteristisch sei, daß auch gegensätzliche „Konstruktionen alle gleich plausibel sind“.
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[321] Vgl. unten, S. 323.
Er stellte fest, daß in Fragen der Erblichkeit nur weiterzukommen sei, wenn man hinsichtlich ganz bestimmter, entwicklungsgeschichtlich relevanter Unterschiede diese als „nachweislich“
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Ebd.
vererbbar ansehen könne. Doch schon allein diesen Nachweis zu führen, sei selbst bei naturwissenschaftlich exakt zu ermittelnden Eigenschaften beim derzeitigen Forschungsstand kaum möglich.
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Vgl. ebd.

II. Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Die Redebeiträge Max Webers folgen dem Abdruck in den Verhandlungen des Zweiten Deutschen Soziologentages vom 20.–22. Oktober 1912 in Frankfurt a. M. – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1913, S. 188–191 [1.] und S. 191 [2.] (A), der auf der Grundlage einer stenographischen Mitschrift erfolgt ist, die nicht überliefert ist. Die Beiträge Max Webers sind eingeführt mit „Professor Max Weber (Heidelberg)“. In seinem zweiten, kurzen Redebeitrag reagiert Weber auf einen Einwand von Heinrich Driesmans zu seinem ersten Diskussionsbeitrag.
Max Weber war verantwortlich für die Redaktion und Drucklegung des Verhandlungsbandes zum Zweiten Deutschen Soziologentag.
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Vgl. den Editorischen Bericht zu Weber, Die Nationalität in ihrer soziologischen Bedeutung, oben, S. 306.
Der Abdruck seines Redebeitrages zu den Vorträgen von Franz Oppenheimer, Ludo Moritz Hartmann und Robert Michels kann folglich als von ihm autorisiert gelten. Der Herausgeber fügt einen eigenen Titel ein und setzt diesen in eckige Klammern. Da Max Weber den Vortrag von Oppenheimer entgegen der Vortragsabfolge an erster Stelle und am ausführlichsten behandelt, ist dieser auch im Titel der Herausgeber zuerst genannt.