[292]Editorischer Bericht
I. Zur Entstehung
Im Nachlaß Max Webers findet sich ein dreiseitiges Textfragment. Es behandelt die Frage, ob eine formale Ethik in Wertkonflikten eine Handlungsanweisung oder sogar eine Entscheidung zwischen gleichermaßen erstrebenswerten, aber einander widersprechenden Idealen bieten könne. Der Status des Textes ist unklar, Inhalt und Argumentation sowie ein Zusatz Marianne Webers weisen Max Weber aber eindeutig als Verfasser aus. Über den genauen Zeitpunkt und Anlaß des Entstehens dieses nur als Fragment überlieferten Textes ist nichts bekannt.
Einen wichtigen Hinweis gibt jedoch der Zusatz von der Hand Marianne Webers: „Max Weber: für Hellmut Kaiser etwa 1912“.
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Bei dem genannten Hellmut(h) Kaiser handelt es sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um einen Sohn der mit Marianne Weber befreundeten Marie Kaiser und ihres Mannes, des Heidelberger Physiologen Karl Kaiser.[292] Zusatz zum Textfragment Max Webers, GStA PK Berlin, VI. HA, NI. Max Weber, Nr. 30, Bd. 9, BI. 29–30, hier BI. 29; aus der unten, S. 299, Anm. 1, angenommenen Lask-Lektüre folgt ebenfalls 1911/12 als frühestmöglicher Abfassungszeitpunkt.
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Hellmuth, der ältere von zwei Söhnen und 1893 geboren, studierte seit dem Sommer 1912 Mathematik, Philosophie und Pädagogik in Göttingen. Dort geriet er unter den Einfluß der von Leonard Nelson (1882–1927) begründeten Neuen Fries’schen Philosophie, der auch sein Vater anhing. Vgl. Weber, Marianne, Lebenserinnerungen. – Bremen: Storm Verlag 1948 (hinfort: Weber, Marianne, Lebenserinnerungen), S. 335 ff. Hellmuth Kaiser schrieb seinen Vornamen, wie Dokumente belegen, mit „Doppel-l“ und „th“; diese Schreibweise wird hier übernommen, obwohl auch die Namensschreibungen „Hellmut“ oder „Helmut“ vorkommen.
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Diese Richtung der Philosophie berief sich auf Jakob Friedrich Fries (1773–1843), der mit Hilfe der kantischen Philoso[293]phie eine Theorie der menschlichen Vernunft entwickeln wollte, die von der These ausging, daß alle menschliche Erkenntnis letztlich auf Glauben beruhe. Nachdem die Familie Kaiser 1901 nach Berlin gezogen war, weil Karl Kaiser seine akademische Laufbahn aufgegeben hatte und als freier Erfinder arbeitete, knüpfte das Ehepaar Kaiser – vermittelt durch den Heidelberger Philosophen Paul Hensel – Kontakt zu dessen Verwandter, Elisabeth Nelson und ihrem Mann, dem Rechtsanwalt und Justizrat Heinrich Nelson, den Eltern von Leonard Nelson. Zum freundschaftlichen Kontakt beider Familien vgl. den Brief von Hellmuth Kaiser an Martin H. Schaefer vom 21. Dezember 1958, Archiv der sozialen Demokratie, NL Nelson 1/LNAA 000 496.
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[293] Vgl. Gäbe, Lüder, Fries, Jakob Friedrich, in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 608–609; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn11 853 601X.html (12.2.2015).
Nelson behauptete, daß die Philosophie als strenge Wissenschaft zu betreiben sei, wenn man sich mathematischer und naturwissenschaftlicher Methoden bediene.
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Unter dieser Voraussetzung wäre nach seiner Auffassung auch zu zeigen, „daß es eine unumstößliche, auf wissenschaftliche Form zu bringende und daher auch planmäßig zu erforschende ethische Wahrheit“ Vgl. Peckhaus, Volker, Hilbertprogramm und Kritische Philosophie. Das Göttinger Modell interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Mathematik und Philosophie. – Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1990, S. 123–195, bes. S. 123.
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gebe. Nelson, Leonard, Die kritische Ethik bei Kant, Schiller und Fries. – Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1914, S. III.
Das Philosophieren bedurfte nach Nelson der Form des sokratischen Gesprächs, und dem dienten die von ihm initiierten und geleiteten Gesprächskreise, die er bereits als Schüler und dann als Student in Berlin und Göttingen begründet hatte.
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Unentwegt suchte er Mitstreiter für die Verbreitung seiner kritischen Philosophie. So gab er mit seinen Berliner Freunden, Karl Kaiser und dem Mathematiker Gerhard Hessenberg, ab 1904 die „Abhandlungen der Fries’schen Schule, Neue Folge“ heraus, die in mehreren Bänden erschien. Nelson studierte ab dem Winter 1901/02 in Berlin Mathematik und Philosophie und gründete dort einen Diskussionszirkel, der sich im Haus von Karl und Marie Kaiser traf, vgl. den Brief Hellmuth Kaisers an Martin H. Schaefer vom 29. Januar 1959, Archiv der sozialen Demokratie, NL Nelson 1/LNAA 000 496. Ebenso gründete er einen Kreis in Göttingen, wo er seit 1903 studierte, 1904 promoviert wurde und sich 1909 habilitierte. Vgl. dazu Blencke, Erna, Zur Geschichte der Neuen Fries’schen Schule und der Jakob Friedrich Fries-Gesellschaft, in: Archiv für Geschichte der Philosophie, hg. von Hans Wagner, 60. Band, Heft 2, 1978, S. 199–208 (hinfort: Blencke, Geschichte), S. 199.
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Neben der „Neuen Fries’schen Schule“, die sich zu Arbeitsgruppen und seit 1909 zu mehrtägigen, durch Vorträge und Kurse vorbereiteten Jahresversammlungen traf, gründete er 1913 zusätzlich die „Jakob Friedrich Fries-Gesellschaft“, die sich sowohl die Ausbildung in der Fries’schen Philosophie als auch die Verbreitung ihrer Schriften zum Zweck setzte. Die Idee für eine solche Gesellschaft war aus einem Kreis von Hörern seiner Ethik-Vorlesung im Sommersemester 1912 in Göttingen hervorgegangen. Dieser Kreis verfolgte den Anspruch, Nelsons logizistische Philosophie und Ethik in intensiver Auseinandersetzung weiter zu entwickeln. Abhandlungen der Fries’schen Schule, Neue Folge, hg. von Gerhard Hessenberg, Karl Kaiser und Leonard Nelson, der 1. Band ist 1904 erschienen, der 2. Band 1908, den 3. Band 1912 und 4. Band 1918 haben Hessenberg und Nelson herausgegeben.
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Vgl. Blencke, Geschichte (wie oben, Anm. 7), bes. S. 204 f.
In dieser Phase traf Hellmuth Kaiser auf Leonard Nelson, dem Kaiser bereits als Kind in Berlin begegnet war. Seit dem Wintersemester 1909/10 hielt Nel[294]son als Privatdozent in der naturwissenschaftlichen Abteilung der Philosophischen Fakultät der Universität Göttingen schwerpunktmäßig Vorlesungen über Naturphilosophie, Kants Kritik der praktischen Vernunft und Metaphysik der Sitten sowie über die Grundlagen der Ethik im Allgemeinen.
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Kaiser belegte bei ihm im Winter 1912/13 und im Sommer 1913 Vorlesungen[294] Nelson wurde 1919 a.o. Professor in Göttingen, wo er bis zu seinem Tode 1927 blieb, zu Nelsons Person und Lebensdaten vgl. Ekkehard Heronimus, Theodor Lessing, Otto Meyerhof, Leonard Nelson. Bedeutende Juden in Niedersachsen, hg. von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung. – Göttingen: Kaestner 1964, S. 91–134, bes. S. 91–100; Link, Werner, Die Geschichte des Internationalen Jugend-Bundes (IJB) und des Internationalen Sozialistischen Kampf-Bundes (ISK). Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. – Meisenheim am Glan: Anton Hain 1964, bes. Kap. I Die Philosophie Leonard Nelsons, S. 3–38.
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und wurde Mitglied in Nelsons „little group of his students“. Im NL Nelson, Bundesarchiv Berlin, N 2100, Nr. 43, befinden sich Anwesenheitslisten von Vorlesungen Nelsons. Auf einer undatierten Liste ist u.a. verzeichnet: „H. Kaiser math[.] 2“, auf einer weiteren Liste dieser Art ist auf der Rückseite als letzter Eintrag verzeichnet: „Hellmut Kaiser 3 math[.]“. Anzunehmen ist, daß sich die Ziffern nach dem Namen auf die jeweilige Semesterzahl beziehen, Kaisers zweites Semester war das WS 1912/13, das dritte das Sommersemester 1913. Laut Vorlesungsverzeichnis hielt Nelson im Wintersemester 1912/13 „Übungen über Kants Prolegomena“ (mittwochs, 17–19 Uhr) und „Über moderne Naturphilosophie“ (montags von 18 bis 19 Uhr), sowie im Sommersemester 1913 „Kritik der praktischen Vernunft“ (mittwochs und freitags von 18 bis 20 Uhr) und „Naturphilosophisches Kolloquium“ (dreistündig/Woche). Vgl. Verzeichnis der Vorlesungen auf der Georg-August-Universität zu Göttingen während des Winterhalbjahrs 1912/13. – Göttingen: Dieterich’sche Universitäts-Buchdruckerei 1912, S. 13 f., und dass. während des Sommerhalbjahrs 1913, ebd. 1913, S. 13 f.
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Im März 1913 nahm er an der mehrtägigen 6. Jahresversammlung der Neuen Fries’schen Schule teil, auf der der Mathematiker Paul Bernays, der Psychiater Arthur Kronfeld und Nelson selbst vortrugen. Vgl. Brief von Hellmuth Kaiser an Martin H. Schaefer vom 21. Dezember 1958, Archiv der sozialen Demokratie, NL Nelson 1/LNAA 000 496, Kaiser war 1933 ausgewandert und lebte nach mehreren Stationen als Emigrant ab 1949 in den USA, vgl. Effective Psychotherapy. The Contribution of Hellmuth Kaiser, ed. by Louis B. Fierman, Allen J. Enelow, Leta McKinney Adler. – New York, London: The Free Press 1965, Foreword (hinfort: Fierman et al., Contribution), S. VII–XXXVI, bes. S. XI–XV.
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Wie aus dem kurzen Lebensbericht hervorgeht, den Kaisers amerikanische Kollegen nach seinem Tode einem Sammel[295]band zur Würdigung seines psychotherapeutischen Werkes voranstellten, wurde Kaiser in Göttingen zunächst „leader of a study group devoted to Nelson’s ideas“. Kaiser hatte wohl gerne diese Aufgabe übernommen, jedoch „to his great disappointment, Nelson, an arbitrary and authoritarian man, dropped him […]. He was intolerant and impatient with those who disagreed with him. He was deeply convinced that he had discovered the ,truth‘ in regard to ethical questions, and was thoroughly dedicated to the mission of establishing, together with his followers, a ,dictatorship of reason‘. Kaiser shared his convictions and attitudes in every way, feeling superior to the misguided adversaries of Nelson. Thus it was a terrible blow to him when Nelson dropped him […]“. Vgl. NL Nelson, Bundesarchiv Berlin, N 2100, Nr. 372; diese Tagung fand statt vom 3.–8. März 1913. Aus dem Protokoll vom 4. März, vormittags, geht hervor, daß Kaiser anwesend war, ebenso am 5. März, vormittags; beteiligt hat er sich mit einem Beitrag an einer Diskussion über „Die Dreiteilung des Ideals der Bildung in die Ideale der Wahrheitsliebe, Gerechtigkeitsliebe, Schönheitsliebe“, ebd., S. 141–156, hier S. 146, 147. Es existieren noch zwei Fotographien der Tagungsteilnehmer vom 4. März 1913, auf denen Hellmuth Kaiser auch abgebildet ist, Archiv der sozialen Demokratie, NL Nelson, 6/F0TA029 591 und 6/F0TA029 589; vgl. allgemein Blencke, Geschichte (wie oben, S. 293, Anm. 7), S. 205.
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Zum Bruch zwischen Hellmuth Kaiser und Leonard Nelson ist es spätestens 1915,[295] Fierman et al., Contribution (wie oben, S. 294, Anm. 12), S. IX f. Vgl. die knappe, kenntnisreiche Darstellung von Nelsons philosophischem Denken von: Birnbacher, Dieter, Nelsons Philosophie – eine Evaluation, in: Zwischen Kant und Hare. Eine Evaluation der Ethik Nelsons, hg. von Dieter Krohn, Barbara Neißer, Nora Walter (Schriftenreihe der Philosophisch-Politischen Akademie, Band V). – Frankfurt a.M.: dipa-Verlag 1998, S. 13–36. Zu Nelsons charakterlichen Eigenschaften und philosophischem Denken stellt Birnbacher fest, daß dieser sowohl Selbsterhellung als auch das Auffinden vorgegebener metaphysischer Wahrheiten erstrebe, er sei Sokratiker und Platoniker in einem. „Er ist der Ironiker, der weiß, daß er nichts weiß, aber er ist auch der dogmatische Metaphysiker, der – im Namen der ,Vernunft‘ – über die richtigen Antworten zu verfügen glaubt. Nur deshalb konnte er sich so ungebrochen zum Philosophenkönigstum berufen fühlen.“ Ebd., S. 15.
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vermutlich aber bereits früher gekommen. Kaiser wechselte mit dem Wintersemester 1913/14 zum Studium der Jurisprudenz nach Berlin. In einem Kondolenzbrief zu Nelsons Tod an Minna Specht beschrieb Kaiser seine zwiespältigen Gefühle Nelson gegenüber, der ihn indessen sehr beeinflußt hatte, Brief von Hellmuth Kaiser an Minna Specht vom 31. Oktober 1927, Archiv der sozialen Demokratie, NL Nelson 1/LNAA 000 013; aus noch größerer zeitlicher Distanz schrieb Kaiser: „[…] my impressions of and my experiences with him [Nelson, Hg.] are so many that I really would not know to condense them […].“ Brief von Hellmuth Kaiser an Martin H. Schaefer vom 21. Dezember 1958, Archiv der sozialen Demokratie, NL Nelson 1/LNAA 000 496.
Es steht zu vermuten, daß sich Hellmuth Kaiser während des Studiums in Göttingen 1912/13 intensiv mit Nelsons Philosophie und Mathematik beschäftigt und seine eigene Anschauungen zu Fragen einer formalen Ethik schriftlich dargelegt hat. Auf solche, nicht überlieferte Ausführungen könnte sich Max Weber in seinem Fragment beziehen, wenn er gleich zu Beginn von „Kaisers Kritik“ spricht.
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Denkbar ist, daß ein Text dieser Art, wenn nicht durch Hellmuth Kaiser selbst – ein direktes Zusammentreffen oder eine direkte Korrespondenz zwischen ihm und Max Weber sind nicht belegt Unten, S. 299.
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–, durch seine Mutter nach Heidelberg gelangte. Marie Kaiser war von der Begabung [296]ihres Sohnes Hellmuth überzeugt Hellmuth Kaiser wird lediglich in einem Brief Max Webers erwähnt, den er während eines Aufenthaltes in Berlin-Charlottenburg im März 1916 geschrieben hatte: „Frau [296]Kaisers Hellmuth hat sich ja kriegstrauen lassen (Ich sah sie noch nicht) […].“ Brief Max Webers an Marianne Weber vom 27. März 1916, MWG II/9, S. 364 f., hier S. 365.
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und sorgte offensichtlich dafür, daß ihre „bedeutenden Freunde“ Vgl. Fierman et al., Contribution (wie oben, S. 294, Anm. 12), S. VIII; ebenso Weber, Marianne, Lebenserinnerungen (wie oben, S. 292, Anm. 2), S. 335.
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ihn kennenlernten. Der kurze Lebensbericht der amerikanischen Kollegen Kaisers vermerkt lakonisch: „Max Weber and George Jellinek were close friends of the Kaiser family.“ Ebd., S. 335.
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So berichtet Marie Kaiser Marianne Weber von einer Diskussion über „letzte erkenntnistheoretische Fragen“, die Ernst Troeltsch, der 1915 nach Berlin gegangen war, und ihr Sohn, der sich während eines Heimaturlaubes 1916 dort aufhielt, geführt hätten. Sie nimmt freilich an, daß Marianne Weber, auf „Rickertschem Boden stehen[d]“, mit Hellmuths „reinem Rationalismus“ nicht einverstanden sei. Fierman et al., Contribution (wie oben, S. 294, Anm. 12), S. VIII.
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Marie Kaiser könnte folglich – mit oder ohne Wissen ihres Sohnes – Marianne Weber gebeten haben, Max Weber einen Text Hellmuth Kaisers vorzulegen, weil ihr an dessen Urteil gelegen war. Der zeitliche Horizont für die Abfassung dürfte – dem Zeitpunkt des Zusatzes von Marianne Weber entsprechend – auf die Jahre 1912/13 fallen. Vgl. Weber, Marianne, Lebenserinnerungen (wie oben, S. 292, Anm. 2), S. 343.
Unabhängig davon, unter welchen Umständen das uns unbekannte Schriftstück an Max Weber gelangte, setzt sich Weber in dem hier edierten Textfragment in Form eines akademischen Gutachtens – mit Referenz auf Kaiser
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– mit Grundfragen der philosophischen Ethik auseinander. Er übt Kritik an einer rein formal aufgefaßten Ethik und daraus abgeleiteten Handlungsmaximen und legt dar, daß moralisches Handeln nur in Auseinandersetzung mit den handlungsleitenden Werten einerseits, den Handlungsfolgen andererseits beurteilt werden könne. Der Ton der Weberschen Stellungnahme ist scharf, wird allerdings in der überlieferten Typoskriptfassung durch Streichungen und Korrekturen Marianne Webers abgemildert. Unten, S. 299.
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Fraglich ist, ob Max Weber oder Marianne Weber den Text – mit den ursprünglichen, schärferen oder den abgemilderten Formulierungen – dem Verfasser oder auch Marie Kaiser zukommen ließen. Vgl. dazu unten, S. 298, sowie die textkritischen Anmerkungen, unten, S. 299, Anm. a, und S. 300, Anm. j.
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So hatte Marie Kaiser 1914 sich brieflich bei Marianne Weber bedankt, weil sie Zuversicht schöpfe aus der Art, wie diese über den „Jungen“ urteile, vgl. Weber, Marianne, Lebenserinnerungen (wie oben, S. 292, Anm. 2), S. 341. Ob es sich dabei um den Sohn Hellmuth handelt, ist jedoch nicht sicher.
[297]II. Zur Überlieferung und Edition
Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Typoskript, das sich in GStA PK Berlin, VI. HA, Nl. Max Weber, Nr. 30, Bd. 9, Bl. 29–30 (A), befindet.
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Es wird nicht die Archivpaginierung, sondern die Paginierung des Typoskripts übernommen, die auf dem zweiten Blatt mit „2.“ einsetzt; entsprechend wird die Zählung von Blatt 1 ergänzt. Blatt 1 ist doppelseitig beschrieben. Die Paginierung erfolgt als A [1r] für die Blattvorderseite, A [1v] für die Blattrückseite und A 2. Blatt 1 trägt auf dem oberen Blattrand den handschriftlichen Zusatz von Marianne Weber: „Max Weber: für Hellmut Kaiser etwa 1912“. [297] Das Typoskript wurde auf Basis einer von Wolfgang J. Mommsen im Zentralen Staatsarchiv Merseburg angefertigten und 1963 „Herrn Prof. Baumgarten“ überlassenen Abschrift von diesem bereits 1964 in etwas verkürzter Form veröffentlicht. Die dreiseitige maschinenschriftliche Abschrift des Fragments mit der handschriftlichen Widmung von Wolfgang J. Mommsen an Eduard Baumgarten befindet sich in der Max Weber-Arbeitsstelle, BAdW München. Zum Abdruck vgl. Baumgarten, Eduard, Max Weber. Werk und Person. – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1964, S. 399–401, unter dem Titel „Fragment aus dem Nachlaß Max Weber“ sowie mit der Fußnote versehen: „Etwa 1912. Abschrift aus dem Merseburger, ehemals geheimen Staatsarchiv durch W. Mommsen. Archivvermerk: ,für Hellmut Kaiser; Maschinengeschriebene Kopie M.W’s, das Original befindet sich nicht hier.‘ “
Da das Textfragment außer dem Zusatz Marianne Webers keine Überschrift enthält, haben die Herausgeber den inhaltsbezogenen Titel „Über Ethik“ eingefügt und mit dem Zusatz „Ein Fragment“ versehen. Beides ist durch eckige Klammern als Herausgeberzusatz gekennzeichnet.
Die Textpräsentation ist schwierig, weil der Status des Fragments nicht eindeutig zu klären ist. Das Typoskript befindet sich im Geheimen Staatsarchiv Berlin in einem Konvolut, das vorrangig aus Briefabschriften besteht, die Marianne Weber postum anfertigen ließ. Dazwischen befinden sich aber zwei Schriftstücke auf doppelseitig beschriebenem Durchschlagpapier, die aus der maschinenschriftlichen Paginierung der Briefabschriften herausfallen. Neben dem hier zu edierenden Fragment ist dies auch ein Brief Max Webers an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 13. November 1919.
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Ediert in: MWG II/10, S. 837–839.
Das Textfragment weist handschriftliche Korrekturen und Zusätze von der Hand Marianne Webers auf, aber auch Unterstreichungen und Satzzeichenergänzungen, die nicht eindeutig zuzuordnen sind. Einige von ihnen könnten durchaus von Max Weber stammen. Unklar muß auch bleiben, ob das Typoskript-Original an Hellmuth Kaiser – mit welchen Zusätzen oder Korrekturen auch immer – verschickt worden ist. Weiterhin ist ungeklärt, ob es sich bei den handschriftlichen, inhaltlichen Korrekturen von Marianne Weber um von Max Weber autorisierte oder von ihr eigenständig vorgenommene Verände[298]rungen handelt. Aufgrund dieser Unsicherheiten haben sich die Editoren entschieden, den Text mit allen handschriftlichen Korrekturen, die zum Teil Weber-typisch, zum Teil aber auch editorisch notwendig sind, als Fassung A abzudrucken. Korrekturen, die eindeutig der Hand Marianne Webers zuzuordnen sind, werden übernommen, aber im textkritischen Apparat als solche nachgewiesen. Nicht in die Textfassung übernommen werden allerdings zwei Eingriffe Marianne Webers, die die inhaltlichen Aussagen verändern. Dabei handelt es sich um die von ihr vorgenommene Streichung des ersten Satzes: „Wer sich der Pflicht selbst zu dem materialen Problem Stellung zu nehmen entzieht, sollte nicht einen derart absprechenden Ton anschlagen wie Kaisers Kritik es tut.“ (unten, S. 299), sowie die Korrektur des Satzes „In unerträglicher Weise zeigt sich die Konsequenz des Versuchs[,] mit rein formalen Mitteln einer Erörterung materialer Wertkonflikte beizukommen bei der Behandlung der Geschlechtlichkeitsprobleme.“ (unten, S. 300) zu: „Der Versuch, mit rein formalen Mitteln einer Erörterung materialer Wertkonflikte beizukommen, muß bei der Behandlung der Geschlechtlichkeitsprobleme völlig versagen.“ Da nicht ganz auszuschließen ist, daß Max Weber diese Änderungen autorisiert hat, werden sie im textkritischen Apparat vermerkt.
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[298] Unten, S. 299, textkritische Anm. a und d; unten, S. 300, textkritische Anm. g, h und i.